Volkswagen startet E-Offensive und baut E-Autos in drei deutschen Werken

Neben Zwickau werden Emden und Hannover sukzessive für die Produktion von E-Fahrzeugen qualifiziert werden. Auch Batteriezellfabrik wird "konkret geprüft".

Standort gesichert: VW Nutfahrzeuge-Markenchef Thomas Sedran (re.) und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil vor dem I.D. BUZZ Cargo während die IAA in Hannover. | Foto: VWN
Standort gesichert: VW Nutfahrzeuge-Markenchef Thomas Sedran (re.) und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil vor dem I.D. BUZZ Cargo während die IAA in Hannover. | Foto: VWN
Johannes Reichel

Der Volkswagen-Konzern hat nach den Ankündigungen bei Betriebsversammlungen auch im Aufsichtsrat beschlossen, nach Zwickau auch die deutschen Standorte in Emden und Hannover auf die Produktion von Elektrofahrzeugen umzustellen. Damit entstehe in Niedersachsen nach Zwickau das zweite E-Mobilitätszentrum von VW in Deutschland. „Mit diesem Schritt sorgen wir auch für eine nachhaltige Zukunftsperspektive für beide Standorte“, befand Vorstandsvorsitzender Herbert Diess. Die Ausrichtung auf die Produktion innovativer E-Fahrzeuge sei Bestandteil der Planungen zur Werkebelegung. Im Zuge dessen soll die Volkswagen Passatfamilie wird in das tschechische Šdoda Werk Kvasiny verlagert und ab 2023 zusammen mit den Modellen Superb und Kodiaq gefertigt. Der Škoda Karoq und der Seat Ateca, die aktuell in Kvasiny produziert werden, werden in ein neues Konzern Mehrmarkenwerk verlagert. Dazu wird ein Standort in Osteuropa gesucht.

Sorgen gedämpft: Arbeitsplatzgarantie bis 2028

Volkswagen Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzender Bernd Osterloh sagte: „Ich bin besonders stolz darauf, dass es uns gelungen ist, die Elektromobilität zu großen Teilen hierzulande in unseren Werken anzusiedeln. Denn die Märkte Deutschland und Westeuropa werden neben China und den USA Vorreiter bei der Einführung der E-Fahrzeuge sein. Die Sorgen der Belegschaft wegen eines Arbeitsplatzverlustes versuchte Osterloh zu dämpfen mit der Aussicht auf eine Arbeitsplatzgarantie bis 2028. "Zum Gesamtbild gehört auch, dass mit der Umstellung Arbeitsplätze verlorengehen. Das haben wir schon immer klar gesagt", kommentierte Osterloh weiter.

Vorstandschef Diess rechnet mit einer um ein Drittel geringeren Fertigungstiefe bei Elektro-Fahrzeugen im Vergleich zu verbrennungsmotorisch angetriebenen Modellen. Wie viel weniger an Mitarbeitern man dafür braucht, kann im Moment im Konzern niemand genau beziffern. Dennoch kam auch Zustimmung aus der IG Metall. Es sei richtig, dass "das Unternehmen entschlossen die Elektrifizierung des Antriebs angeht", befand Gewerkschaftschef Jörg Hofmann.

„Wir steigen mit aller Kraft in die Produktion von Elektrofahrzeugen ein und bilden gemeinsam mit Zwickau den größten Verbund zur Produktion von E-Fahrzeugen in Europa", erklärte VW-Personalvorstand Gunnar Kilian.

Gefüllte "Kriegskasse": 44 Milliarden Euro für E-Mobilität und autonomes Fahren

Insgesamt hat der Konzern angekündigt, 44 Millarden Euro in die Elektromobilität und autonomes Fahren zu investieren, zehn Milliarden Euro mehr als bei der Fünf-Jahres-Planung im Jahr 2017 veranschlagt. Das entspricht einem Drittel der geplanten Gesamtausgaben des Konzerns in diesem Zeitraum. Der Großteil der Summe soll direkt in die E-Mobilität fließen, weitere Gelder in Mobilitätsdienste wie MOIA. Die Werke Emden und Hannover sollen nach dem Willen der VW-Oberen weitere Vorzeigewerke in Deutschland werden, skizzierte der Anbieter weiter. Die Pläne sehen vor, dass am Standort Emden ab 2022 Elektrofahrzeuge gefertigt werden sollen. In Hannover soll neben der Fertigung konventionell angetriebener Fahrzeugen voraussichtlich ab 2022 die Produktion von Modellen der elektrisch angetriebenen ID.Buzz-Familie starten.

„Damit sorgen wir für Zukunftssicherung des Standortes Hannover und somit für Beschäftigung. Insgesamt machen wir Volkswagen Nutzfahrzeuge fit für den Wandel in unserer Industrie“, erklärte VW-Nutzfahrzeuge-Markenvorstandschef Thomas Sedran. Die Fertigung der bisher in Emden und Hannover hergestellten Modelle soll vor dem Hintergrund der Stärkung der Elektro-Offensive sukzessive von anderen Standorten übernommen werden, heißt es weiter.

Mehr Effizienz: Wiederverwendung und digitale Transformation

Zu den wesentlichsten Kriterien der Werkbelegung zählt der Konzern die "optimale Auslastung vorhandener Kapazitäten, die plattformorientierte Belegung der Standorte und die Volumenbündelung". Flexible Mehrmarkenfabriken würden daher weiter zunehmen, um die Vorteile des flexiblen Produktionsnetzwerks zu nutzen. Zur Steigerung der Produktivität und Reduzierung der Fabrikkosten und Investitionen wolle man konsequent die Wiederverwendung vorhandener Anlagen und Fabrikstrukturen sowie auf eine markenübergreifende Standardisierung gesetzt. Um weitere Effizienzen zu heben, setzt der Konzern auf die digitale Transformation in seinen Fabriken. Bis 2025 will die Konzernproduktion ihre Produktivität um 30 Prozent erhöhen, so die Zielvorgabe. Gleichzeitig will man die Umweltbelastung der Fabriken - nach dem eigenen Urteil nach guten Fortschritten in den vergangenen Jahren - in etwa halbieren.

Batteriezellfabrik: "Prüfen konkreter als bisher"

Im Hinblick auf eine eigene Batteriezell-Fabrik prüfe man diese Option "sehr viel konkreter als bisher", wie Diess bei der Aufsichtsratssitzung erklärte. Einstweilen hat VW sich mittels fester Lieferverträge mit den großen Herstellern aus LG Chem und Samsung aus Korea und CATL aus China sowie einem Joint Venture mit der koreanischen Firma SK Know-How und Akku-Nachschub gesichert. Für die Ausstattung der eigenen E-Flotte benötigt der Konzern nach eigenen Berechnungen bis 2025 eine Batteriekapazität von mehr als 150 GWh pro Jahr. Das entspreche einer Jahreskapazität von mindestens vier „Gigafactories“ für Batteriezellen. Man könne sich nicht von dieser Wertschöpfung verabschieden, verkündete Osterloh. Und wies auch auf die pure Notwendigkeit hin im Kontext der weiteren Verschärfung der EU-Abgasnormen. Wenn man das einhalten wolle, brauche man "18 weitere Batteriefabriken", so der Betriebsratschef. Konzernchef Diess wies zudem auf dei Einhaltung der Vorgaben des Pariser Abkommens als Motivation für die E-Mobilitätsoffensive hin. Bezeichnend ist schließlich auch eine weitere Personalia aus dem Kontext der Aufsichtsratssitzung: Diess selbst übernimmt das Vorstandsressort mit Zuständigkeit für den Schlüsselmarkt China. 

Was bedeutet das?

Fast mutet es an wie die biblische Geschichte vom Saulus zum Paulus. So ganz nimmt man es VW noch nicht ab, nach allem was war. Aber die Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit des Einstiegs des in die Elektromobilität darf man seit Freitag nicht mehr bezweifeln. Denn jetzt ist die Offensive quasi mit dem amtlichen Segen des Aufsichtsrats versehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass VW spät am Markt erscheint, dann aber selbigen von hinten aufrollt, einfach, weil man die besten und begehrenswertesten Produkte schafft. Denn wenn sie etwas machen in Wolfsburg - im Positiven wie im Negativen - dann machen sie es gescheit. Jetzt bleibt neben der leidigen Frage der Ladeinfrastruktur eigentlich nur eine große Furcht: Dass die Kunden nicht mitziehen. Aber VW wäre nicht VW, wenn man nicht genau wüsste, wie man die Kunden zur Nachfrage animiert.