Neue Mobilität: Mehr Verkehr durch Fahrdienstvermittler

Erste Studien aus US-Großstädten deuten darauf hin, dass Uber, Lyft & Co für eine Zunahme des Verkehrs sorgen und eher den Umweltverbund aus ÖPNV und Fahrrad verdrängen.

Taxi, bitte: Die neuen Dienste sind offenbar so bequem, dass sie zusätzliche Nachfrage und damit Verkehr generieren. | Foto: Ford
Taxi, bitte: Die neuen Dienste sind offenbar so bequem, dass sie zusätzliche Nachfrage und damit Verkehr generieren. | Foto: Ford
Johannes Reichel

Es ist das große Versprechen der neuen Fahrdienstanbieter wie Uber, Lyft & Co: Wir entlasten die Städte vom Verkehr. Doch erste Erkenntnisse und Studien aus der Praxis in US-Großstädten deuten eher auf das Gegenteil hin. Darüber berichtet die Süddeutsche Zeitung. In der Tendenz würden die bequem per Smartphone buchbaren Dienste die Menschen aus Bussen, Bahnen, Fahrrädern abziehen oder auch vom Fußweg abhalten und dafür Autos als Alternative in das ohnehin dichte Verkehrsgetümmel schicken. Es gebe "einen wachsenden Konsens darüber, dass Ride-Sharing zur Verstopfung des Verkehrs beiträgt, zitiert die SZ einen an den Studien beteiligten Wissenschaftler.

Exemplarisch dafür ist die Studie aus Boston unter 944 Nutzern, von denen 60 Prozent angaben, ohne die App am Smartphone hätten sie die öffentlichen Verkehrsmittel, das Fahrrad oder die Füße genutzt - oder, besonders dramatisch, ganz auf den Weg verzichtet. Die Dienste würden oft auch nicht genutzt, so ermittelte die Studie weiter, um den Weg zur Bahn- oder Bushaltestelle zu bewältigen, sondern die gesamte Strecke per Fahrdienst zurückzulegen. "Ride-Sharing ergänzt die öffentlichen Verkehrsmittel nicht, sondern schmälert sie", sagte Alison Felix, eine Mitverfasserin der Studie, der SZ.

Manhattan: Zunahme der Fahrdienste macht Verkehr langsamer

Die Nutzerbefragungen decken sich mit den Verkehrsanalysen. Eine Studie für New York vom Dezember konstatierte, dass die große Zunahme von Fahrdienstautos zur Verlangsamung des Verkehrs in Manhattan beiträgt. Die Rede ist von vielen einzeln besetzten Fahrzeugen mit Fahrern, die nur auf ihren nächsten Auftrag warteten. Dass eher eine zusätzliche Nachfrage generiert wird, darauf deuten auch Daten aus San Francisco hin. Fahrer, die per App geordert werden können, würden an einem normalen Wochentag zwölf mal mehr Fahrten durchführen als konventionelle Taxis.

Very smart: Hoher Komfort als Hauptgrund

Der Hauptgrund für die Nutzer, auch das macht die Bostoner Studie klar, ist der hohe Komfort, den die App sicherstellt. Schnellerer Service und rascheres Fortkommen wären die Hauptargumente. Auch der neue Uber-Ride-Hailing-Dienst "Express-Pool", der ähnlich wie Moia von VW oder Via von Daimler "Ride-Pooling"-Fahrzeuge anbietet, macht den öffentlichen Verkehrsmitteln offenbar starke Konkurrenz. Der Test in Boston und San Francisco lief so gut, dass man den Dienst rund um die Uhr laufen lässt, wie seit kurzem auch in weiteren amerikanischen Großstädten. Die Services seien so billig, dass sie mit ziemlicher Sicherheit Leute von den öffentlichen Verkehrsmitteln abziehen würden, analysiert der Bostoner Wissenschaftler.

Was bedeutet das?

Die ersten Erkenntnisse aus der schönen neuen Mobilitätswelt sind ernüchternd. Da dachte man gerade noch, die coolen neuen Fahrdienste mit ihren hippen Apps könnten den Verkehr reduzieren helfen und die "Öffis" ergänzen, doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Sie wecken zusätzlichen Bedarf und mehren den Verkehr, gerade weil sie die Mobilität so einfach und bequem wie nie zuvor machen. Wieder nichts gewonnen für die Umwelt oder die Entschlackung der Städte, so paradox es erscheinen mag. In der Umweltwissenschaft kennt man dieses Phänomen als Rebound-Effekt. Eine nachhaltige und stadtverträgliche Mobilität wird vermutlich nicht bequem per App zu haben sein wie ein Uber- oder Lyft-Taxi, da mögen die Fahrzeuge noch so an Effizienz zulegen im Zuge der allgemein voranschreitenden Elektrifizierung. Man muss abwarten, ob sich das über die lange Frist einschleift und Uber, Lynk&Co wirklich zur Ergänzung, nicht zur Verdrängung beitragen. Wäre ja auch zu schön gewesen.