Kooperatives Fahrzeug bei Daimler: "Sprechen Sie Auto?"

Hersteller arbeitet an einem Kommunikationsstandard für selbstfahrende Mobile und wie die sich ihrer Umwelt mitteilen. Als Farbe liegt Türkis vorn, bei der Normierung die USA.

Der "Flirt" mit dem Passanten: Autonome Fahrzeuge müssen sich nach einheitlichen Standards der Umwelt mitteilen. Daimler erprobt das mittel einer sensorbestückten S-Klasse. | Foto: Daimler
Der "Flirt" mit dem Passanten: Autonome Fahrzeuge müssen sich nach einheitlichen Standards der Umwelt mitteilen. Daimler erprobt das mittel einer sensorbestückten S-Klasse. | Foto: Daimler
Johannes Reichel

Der Automobilhersteller Daimler entwickelt derzeit einen Kommunikationsstandard für "kooperative Fahrzeuge". Bei einer Vorstellung des Systems in Sindelfingen verdeutlichte der Anbieter, dass es für künftig autonom fahrendes Fahrzeuge einheitlicher Signalisierung bedürfte. Der für den Bereich zuständige Zukunftsforscher Alexander Mankowsky erklärte, viele der aktuellen Auffahrunfälle mit autonomen Fahrzeugen in den USA rührten von Missverständnissen mit anderen Verkehrsteilnehmern her, die es auszuschalten  gelte. Auf Basis eines S-Klasse-Modells realisierten Mankowsky und sein Team daher eine 360-Grad-Lichtsignalisierung. Türkise Leuchten auf dem Dach zeigen dabei den autonomen Fahrmodus an und geben Auskunft darüber, was als nächstes passiert. Drei Beispiele:

  • Permanent leuchtendes Licht zeigt: Das Fahrzeug ist im autonomen Fahrmodus, unabhängig davon, ob es fährt oder steht.
  • Langsames Blinken bedeutet: Das Fahrzeug bremst ab.
  • Schnelles Blinken kündigt an: Das Fahrzeug fährt in Kürze los.

 

Darüber hinaus würden mit dem Fahrzeug auch alternative Lichtkonzepte erprobt. Türkise Leuchtbänder in der Frontscheibe, im Kühlergrill, in den Scheinwerfern, den Außenspiegeln und im unteren Bereich der Scheiben markieren den autonomen Fahrmodus und informieren so Passanten und andere Verkehrsteilnehmer, dass das Fahrzeug eigenständig unterwegs ist. Kleine Reihen von Punktleuchten auf dem Dach sollen anderen Verkehrsteilnehmern signalisieren, dass sie wahrgenommen wurden. "Dabei werden nur diejenigen Passanten oder Radfahrer angeblinkt, deren Bewegungspfad mit dem des Fahrzeugs in Verbindung steht", erklärt der Hersteller. Das kooperative Fahrzeug will dabei den natürlichen Blickkontakt nachempfinden, der zwischen Fahrer und Fußgänger ablaufen würde.

Farbfragen: Türkis ist noch nicht assoziiert

Anfangs war vor allem die Frage, in welcher Farbe ein Fahrzeug sich der Umgebung mitteilt. Nachdem Standardfarben wie rot, gelb oder grün, aber selbstredend auch blau als "kommunikativ besetzte Töne" tabu seien, läge derzeit das relativ neutrale türkis vorn. Daneben experimentiere man mit Magenta. Interessant seien auch Fragen, wie man auf ein Fahrzeug aufmerksam machen könne, das gerade erst startet. Die Ingenieure ersannen eine Kombination aus Lichtsignal, Aufklappen der Außenspiegel und Heben und Senken des Fahrzeugs. "Diese Bewegungen erinnern an ein Lebewesen, das aufwacht und aufsteht", finden die Daimler-Entwickler. Auch auf sogenanntes "Flirten", wie Mankowsky es nennt, soll sich das Fahrzeug verstehen: Will ein Passant etwa eine Straße überqueren, signalisiert das Fahrzeug per LED-Zwinkern, dass der Fußgänger registriert wurde und losgehen kann. Kurioserweise, aber eigentlich naheliegend: Mankowsky und sein Team arbeiten hier mit japanischen Animee- und Manga-Studios zusammen, etwa mit dem 3D-Animationsspezialisten Polygon Pictures. Auch die Augensprache von Apps wie Aimy sehe man sich an. Man kann sich bei Daimler auch vorstellen, Fahrzeugen künftig eine Art "LED-Gesicht" mitzugeben, etwa mit Quadraten, die Augen ähnelten.

Laserprojektion: Zu stark abhängig vom Untergrund

Verworfen haben die Forscher dagegen die Signalisierung per Laserprojektion als eigentlich universelles Mittel. "Die Abhängigkeit von dem angestrahlten Untergrund und seiner genauen Beschaffenheit ist hier schlicht zu groß", erklärt Mankowsky. Zusätzlich soll es Tonsignale geben. Im ersten Schritt erarbeiten der Zukunftsforscher und sein Team die Standards wie Abbremsen, Beschleunigen und Queren. "Hier gibt es überall eine Flut an Varianten, das müssen wir jetzt in Richtung Normierung treiben".  In dieser Hinsicht sieht er derzeit die USA vorn, die die Standardisierung von Car2X-Kommunikation schon weit vorangetrieben hätten. Die Ergebnisse der Studien bringt Mercedes-Benz zum Thema „Autonomes Fahren“ auch in die SAE International ein, dem bekannten Ingenieursverein, der unter anderem Normen und Standards auf dem Gebiet der Mobilität entwickelt.

Nächster Schritt: Digitaler Schatten am Fahrzeug

Über diesen relativ begrenzten Ansatz der Lichtsignalisation hinaus erforscht der Hersteller auch die Möglichkeit großflächiger digitaler Kommunikation von Fahrzeugen mit ihrer Umgebung. "Dabei wird die gesamte äußere Fahrzeughülle zum Kommunikationsmedium für eine 360-Grad- Kommunikation. Die klassische Karosserie verwandelt sich in ein „Digital Exterieur", beschreibt der Hersteller. Einen ersten Ansatz dazu hatte 2015 das Forschungsfahrzeug F 015 mit seinem digitalen Grill gezeigt, ebenso der sogenannte  Vision Van, die Studie eines elektrisch betriebenen Transporters mit digitalen LED-Anzeigen an Front und Heck. Diese Ideen führte der Vision Urbanetic fort. Die Studie soll über sogenanntes "digitales Shadowing" Kontakt zu seiner Umwelt halten. Auf der Karosserie wird etwa der Schatten eines Fußgängers gezeigt, wenn die 360-Grad- Sensoren des Fahrzeugs ihn in unmittelbarer Nähe wahrgenommen haben. So kann man sicher sein, dass man vom Fahrzeug erkannt wurde.