IAA Nutzfahrzeuge: Orten Electric Trucks zeigt schweren E-Sprinter mit Kofferaufbau

Zur IAA fährt die Elektrosparte des Aufbauherstellers mit einer elektrifizierten Version des schweren 5,0-Tonnen-Sprinter auf. Der Antrieb zeigt sich noch weiter verfeinert und läuft deutlich geschmeidiger.

Nichts zu verbergen: Nicht ohne Stolz präsentiert Orten auf der Messe den blitzsauber gemachten Motorraum des elektrifizierten Sprinter. | Foto: J. Reichel
Nichts zu verbergen: Nicht ohne Stolz präsentiert Orten auf der Messe den blitzsauber gemachten Motorraum des elektrifizierten Sprinter. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Die Elektrosparte des moselländischen Aufbauspezialisten Orten Electric Trucks wartet auf der IAA mit einer elektrifizierten Version des schweren 5,0-Tonnen-Sprinter mit Kofferaufbau von Libner auf. Das Fahrzeug, das auch im Freigelände für Fahrten bereitstand, kann auf 4,25 Tonnen abgelastet werden und ist dann auch mit Führerschein Klasse B fahrbar. Allerdings stehen dann nurmehr 1.425 Kilogramm Nutzlast zur Verfügung mit dem Standard-Akkupaket, das 58 kWh Kapazität bietet, was für mindestens 100 Kilometer Reichweite genügt. Die 87 kWh-Version der Lithium-Eisenphosphat-Batterien lässt dann bei einem Fahrzeug mit Aufbau eine Nutzlast von etwa 1.200 Kilo und schafft einen Radius von mindestens 150 Kilometer. "Wir versuchen hier, einen guten Kompromiss Die Ladedauer bei 400 Volt gibt der Hersteller im ersten Fall mit drei Stunden, bei den großen Akkupacks mit vier Stunden an, an Bord ist ein siebenphasiger Typ-2-Stecker.

Bei einer Probetour auf der Messe zeigte sich der 81 kW starke Antrieb, der vom schwäbischen Umrüster EFA-S stammt, deutlich geschmeidiger als noch vor zwei Jahren. Er läuft leise, abgesehen vom "Arbeiten" des Aufbaus ist bis auf die anfänglichen Geräusche der Lenkhilfpumpe und ein leises Surren ist nicht mehr viel zu hören von der Synchronmaschine und Triebstrang. "Wir könnten noch leiser sein, wenn wir die Kardanwelle aushängen und über die Vorderräder antreiben würden", bemerkt Orten-Elektro-Spezialist Wilhelm Kemmnitz. Das ist etwa bei den Umbauten alter T5-Modelle der Fall. Dennoch ist das Prinzip der Orten-Umbauten, möglichst viel der Teile der umgerüsteten Fahrzeuge, meist "junge Gebrauchte", wie Kemmnitz berichtet. Die Antriebsstrategie des zwillingsbereiften 4,25-Tonners ist ganz auf "rollen lassen" ausgelegt. "Aus unserer Sicht ist das die effizienteste Strategie bei einem Lkw", meint der Ingenieur. Die Rekuperation erfolgt demgemäß primär per Bremspedal, bei festerem Druck greift die Betriebsbremse mit ein. Die Beschleunigung des schweren Transporters mit Kofferaufbau erfolgt völlig angemessen und recht zügig.

Verbesserte Heizung, informatives Display

Verbessert an Bord wurde die Schaltkonsole, die jetzt durch einen simplen Joystick mit drei Stellungen dargestellt wird. Das Anfahren lässt sich fein dosieren, auch Wippeln am Berg oder Absätzen bekommt man ebenso gut hin wie rückwärtiges Rangieren. Ein Extra-Farbdisplay auf dem Armaturenbrett informiert ausgiebig über die Betriebszustände in der Batterie und den Energiefluss im Fahrzeug. Angezeigt wird etwa auch der Energieverbrauch der Heizung, die man neuerdings mit einer effizienteren HV-Wasserheizung darstellt. Diese nutzt das ohnehin schon für die Kühlung der Akkus vorgewärmte Wasser, das etwa 50 Grad hat. "Wenn im Winter mehr Heizleistung gefragt ist, erhöhen wir auf bis zu 85 Grad", erklärt Kemmnitz. An einem normalen Septembermorgen bei 12 Grad benötigt die Heizung etwa 6 kW, entsprechend schrumpft die Reichweite der Akkus ein wenig.

Orten-Maxime: "Müssen OEM-Standard erreichen"

Auffallend ist, dass der Motorraum der Elektromaschine extrem sauber verkabelt ist. Edelstahlblenden decken die Aggregate ab, alles macht einen aufgeräumten Eindruck. "Wir müssen auch als mittelständischer Umrüster auf OEM-Standard kommen, das erwarten die Kunden", versichert Kemmnitz. Gegenüber den großen Anbietern und deren Produkten wie etwa dem zur Messe vorgestellten VW e-Crafter oder MAN e-TGE führt der Ingenieur ins Feld, dass man bei Orten ein extrem spezielles Portfolio darstellen könne, von der elektrifizierten Basis bis hin zum branchengemäßen Aufbau. "Die großen Hersteller bieten hier oft nur wenige Lösungen, fokussieren sich auf Kastenwagen und die Stückzahlen sind immer noch so niedrig, dass das nicht wirklich interessant ist", meint Kemmnitz, der sich über komplette Auslastung der Orten-Electric-Fertigung freut, die jährlich gut 40 Fahrzeuge umrüstet. Mittlerweile hat man über 200 ausrangierte Fahrzeuge umgerüstet. "Die Fahrzeuge laufen seit über einem Jahr, weitgehend ohne Probleme", freut sich Kemmnitz.

Keine Konkurrenz zu StreetScooter, sondern Ergänzung

Doch noch immer gebe es kein Angebot eines großen Herstellers mit neuen Basisfahrzeugen ohne Antriebsstrang, abgesehen von der Kooperation von StreetScooter und Ford beim Work XL. Kemmnitz weist zudem darauf hin, dass im Bereich der schweren Transporter ohnehin noch kaum einer der Anbieter liefern könne. Den ambitionierten neuen Player am Markt StreetScooter sieht er im übrigen nicht als Konkurrenz, sondern sogar als gute Ergänzung. "Die sind mit 26 Fahrzeugen auf der Messe und sorgen für viel Aufmerksamkeit für das Thema Elektrifizierung. Davon profitieren wir auch indirekt. Wir sprechen auch miteinander und tauschen uns technisch aus. Unser Ansatz ist aber anders, das Segment auch", skizziert der Elektro-Spezialist. Viele Anfragen kämen aus den Kommunen, aus dem angestammten Orten-Segment der Getränkebranche, aber auch von Logistikern in urbanen Zonen. Zudem weist er auf die persönliche Betreuung und Beziehung hin, die man bei den individuell entwickelten Umbauten entwickle. Er bekommt ständiges Feedback aus der Praxis, was eventuell noch zu verbessern wäre oder wie es läuft. "Das kann ein OEM so nicht anbieten", meint er.

Beteiligt am Fraunhofer-Projekt autonomer Verteiler-Lkw

Über das Transportersegment hinaus rüstet Orten eben auch schwerere Verteiler-Lkw um. Gerade hat man einen DAF LF für den Textiltransport in Peine bei Hannover elektrifiziert. Beteiligt ist man auch an einem Projekt des Fraunhofer IVI-Instituts, bei dem ein zweiachsiger Mercedes-Benz Actros für das autonome Fahren vorbereitet wird. Der sogenannte AutoTruck soll mal die vollautomatische Verteilung in Automatisierungszonen übernehmen und stand auch auf der IAA 2018 bereit.