Halbjahresbilanz 2018: VW-Konzernchef Diess warnt vor harten Zeiten.

Der VW-Konzern ist operativ weiter erfolgreich, aber Konzernchef Herbert Diess warnt vor künftigen Problemen. Dazu zählen vor allem die Umstellung auf den neuen Prüfzyklus und der Abgas-Skandal

Noch machen die Elektromodelle VW finanziell keine Freude. | Foto: Volkswagen
Noch machen die Elektromodelle VW finanziell keine Freude. | Foto: Volkswagen
Gregor Soller

VW legt eine kritische Halbjahresbilanz mit guten Zahlen vor. Man habe den WLTP-Prüfzyklus zwar frühzeitig auf dem Schirm gehabt, aber durch den Abgas-Skandal seien Kapazitäten in der Entwicklungsabteilung gebunden gewesen. Deshalb habe man Probleme und hätte auch Fahrzeuge vorproduziert. Konzernchef Herbert Diess erklärte in dem Zusammenhang auch die Probleme, die die Umstellung auf WLTP mit sich brächte: Für jede der mehr als 260 Motor-Getriebe-Varianten müssten neue Zertifikate beantragt werden, dazu kämen Engpässe bei Prüfdienstleistern und Behörden – da der WLTP-Standard ja für alle Autohersteller gelte. Der Abgas-Skandal habe VW bisher rund 27,4 Milliarden Euro gekostet, dazu komme jedoch ein enormer Personalaufwand, für den man ebenfalls enorme Summen bereitstellen musste. Auch bei den Elektromodellen hat man derzeit Probleme: Volkswagen droht der Rückruf von 124.000 Elektroautos wegen eines Ladegeräts, das Spuren von Cadmium enthält. Ein Zulieferer habe nicht gekennzeichnet, dass das giftige Schwermetall verbaut sei.

Auch die Die Rendite der Elektroautos sprach er an: Die werde erstmal nicht auf dem Niveau der Verbrenner liegen. Aktuell seien sie laut Finanzchef Witter gar Verlustbringer, was sich erst mit dem Start der I.D.-Reihe und dem neuen Elektro-Baukasten ändere.

Für die I.D.-Reihe kündigte VW bereits eine radikal reduzierte Variantenvielfalt an, ohne dass die Kunden es spüren sollen. Das erde auch auf die Verbrenner übertragen. Was laut Diess zu einem "Paradigmenwechsel" in der Produktion führe. Diese müsse noch effizienter und weniger komplex werden, an dieser Stelle sei die Konkurrenz an einigen Stellen voraus. Außerdem sollen an verschiedenen Standorten Fahrzeuge mehrerer Marken gebaut werden.

Finanziell bleibt der Volkswagen-Konzern auf Kurs, kämpft allerdings weiter mit den bekannten Problemen. Die Kernmarke Volkswagen Pkw machte bis Juni 2018 rund 7,7 Prozent mehr Umsatz und landet bei insgesamt 42,7 Milliarden Euro. Das Operative Ergebnis vor Sondereinflüssen (Ebitda) lag bei 2,1 (1,8) Milliarden Euro. Die Diesel-Affäre soll die Marke mit 1,6 Milliarden Euro belastet haben. Audi konnten sich im ersten Halbjahr auf 31,2 Milliarden Euro Umsatz steigern, das operative Ergebnis kletterte von 2,7 auf 2,8 Milliarden Euro. Škoda wuchs weiter: Die Umsatzerlöse stiegen auf 9,2 Milliarden Euro um 5,1 Prozent über den Vorjahreswert. Operativ erlösten die Tschechen wegen  negativer Wechselkurseffekte und höherer Vorleistungen um 4,5 Prozent weniger. Der Umsatzerlös ging auf 821 Millionen Euro zurück. Immer mehr Freude macht dem Konzern Seat: Die Umsatzerlöse kletterten um 14,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 5,8 Milliarden Euro. Noch wichtiger: Das Operative Ergebnis verbesserte sich um 62,7 Prozent auf 212 Millionen Euro. Auch Porsche setzte mit 11,2 Milliarden Euro gut 0,4 Milliarden mehr um als im ersten Halbjahr 2017.  Das operative Ergebnis stieg leicht um 0,4 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Weniger Freude machte Bentley: Mit 757 Millionen Euro Umsatz lag man deutlich unter dem Vorjahr mit 867 Millionen Euro. Schwerer wiegt aber der operative Verlust von 80 Millionen gegenüber 13 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Laut VW ergäben sich die Belastungen im Wesentlichen aus dem geringeren Absatz, Verzögerungen beim Anlauf des neuen Continental GT und aus Wechselkursen.

Besser als 2017 schlug sich dagegen Volkswagen Nutzfahrzeuge: Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz um 6,7 Prozent auf 6,3 Milliarden Euro Umsatz. Das operative Ergebnis erhöhte sich um 26,7 Prozent auf 567 Millionen Euro. Auch die Lkw-Töchter MAN und Scania entwickelten sich positiv: Mit 6,5  statt 6,3 Milliarden Euro waren die Umsatzerlöse der Marke Scania höher als im Vergleichszeitraum 2017. Auch das Operative Ergebnis stieg von 673 auf 684 Millionen Euro. MAN setzte im ersten Halbjahr 2018 rund 5,8 Milliarden Euro um - gut eine halbe Milliarde mehr als im Vorjahreszietraum. Das Operative Ergebnis stieg von 193 auf 258 Millionen Euro. Und bei Volkswagen Finanzdienstleistungen wuchs das operative Ergebnis um 5,7 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro.

Trotzdem blieb Konzernchef Herbert Diess vorsichtig: Er betont, dass noch schwere Aufgaben vor dem Unternehmen liegen. Als vielleicht wichtigste Aufgabe der Zukunft bezeichnet er den Wandel der Unternehmenskultur, wofür das Programm "together for integrity" aufgelegt wurde. Ebenfalls interessant: Die strategische Neuorganisation mache Fortschritte. VW Truck & Bus, Komponente  und Beschaffung wurden neu organisiert. Dazu kommen Kooperationen mit anderen Herstellen, wie JAC in China oder Ford, schaffen Synergien.

Noch spannender ist das Thema Feststoffakkus: Bis 2025 will VW eine Produktion von in Europa aufbauen – und das vielleicht sogar in Deutschland. Außerdem habe man seinen Anteil an dem Batteriehersteller Quantum Scape erhöht, um bei dieser Zukunftstechnologie nicht abgehängt zu werden: "Die Zukunft des Autos ist digital, elektrisch und vernetzt". Bewusst ist sich VW, dass man es mit neuen und aggressiven Wettbewerbern aus China und von der US-Westküste zu tun bekomme. Entsprechend müsse VW müsse seine Softwarekompetenz massiv ausbauen. Bei größeren Fahrzeugen sei der Elektroantrieb auch auf längere Sicht kein vollwertiger Ersatz. Hardware-Nachrüstungen bezeichnete Diess als „unsinnig“: Kein Kunde würde es akzeptieren, dass sein Kofferraum schrumpfe, er sein Reserverad verliere oder er sein Gepäck ausräumen müsse um Ad Blue nachzufüllen. Die hohen Stickstoffbelastungen in den Städten werden sich in einigen Jahren erledigen.

Was bedeutet das?

VW wächst zwar dezent weiter, das aber trotz Hochsommer und Sonne unter eher wolkigem Himmel: Teils selbst verschuldete Altlasten, die Umstellung des riesigen Konzernportfolios auf Digitalisierung, Services und alternative Antriebe kosten den Konzern künftig viel Kraft. Und große Wachstumssprünge sind auf dem gesättigten Markt nicht mehr zu erwarten.