CNG-Antrieb: Fiat favorisiert Erdgas vor Elektro

Der Hersteller will die Diesel-Krise nutzen, um dem seit zwei Jahrzehnten propagierten Erdgasantrieb zum Durchbruch zu verhelfen. Die Vorteile bei den Emission liegen auf der Hand. Trotzdem ist die Nachfrage mau.

Gas statt Benzin: Der FCA-Konzern wirbt für das konkrete Emissionsminderungspotenzial des Erdgasantriebs. | Foto: J. Reichel
Gas statt Benzin: Der FCA-Konzern wirbt für das konkrete Emissionsminderungspotenzial des Erdgasantriebs. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Der Autohersteller Fiat Chrysler Automobiles FCA will die aktuelle Krise des Dieselantriebs nutzen, um den Erdgasantrieb als Brückentechnologie stärker in den Fokus zu rücken. Das erklärten Verantwortliche des Konzerns bei einem CNG-Workshop in Frankfurt. Ausdrücklich will man auch die jüngst gestartete Umtauschprämienaktion für Alt-Diesel-Fahrzeuge aller Marken der Euro-Norm 1 bis 5 nutzen, Kunden von konventionellen Antrieben für die Alternative Erdgas zu gewinnen, wie ein Sprecher mitteilte. Die Prämie reicht von 2.500 bis 8.000 Euro, je nach Modell. Fiat hat seit dem Start der Erdgastechnologie 1997 im Bereich Pkw und Nutzfahrzeuge 740.000 CNG-Modelle verkauft, 300.000 davon der Kleinwagen Fiat Panda.

FCA sieht im Erdgasantrieb kurz- und mittelfristig eine praktikable und emissionsarme Alternative zu konventionellen Antrieben. "Wir brauchen bezahlbare Lösungen", erklärte Fiat-Vertriebschef Roberto Debortoli bei dem Workshop. Der Hersteller wies darauf hin, dass beim Thema CO2-Reduzierung mehr betrachtet werden müsse als nur die Emission im Betrieb. "Erdgas als Naturprodukt, das zudem über ein weit verzweigtes Gasnetz verfügbar ist, verursacht auch in der Herstellung und beim Transport keinerlei Emissionen", erklärte Kurt Pretscher, Erdgasexperte und -trainer des Unternehmens.

Mit Biomethan besser als Elektroautos mit EU-Strom

Insbesondere die Verwendung von Biomethan etwa aus Abfallreststoffen oder noch besser aus Gülle verbessere die Bilanz weiter, wenn man die Betrachtung "Tank-to-Wheel" um die Komponente "Well-to-Tank", also von der Quelle über die Produktion bis in den Tank, ergänze. Biomethan könne hier zu 80 Prozent klimaneutral sein und liege damit deutlich besser als die Nutzung von Strom aus dem EU-Mix für Elektrofahrzeuge. Auch die Erzeugung von Methan aus regenerativem Strom berge große Potenziale, argumentiert der Hersteller. Keine gute Alternative sei es dagegen, Methan aus Futterpflanzen wie Mais zu gewinnen, aus ethischen wie auch effizienzbezogenen Erwägungen, befand FCA-Spezialist Pretscher.

"CNG ist eine vollständig entwickelte, sichere und vergleichsweise saubere Technologie mit vorhandener Infrastruktur und europaweiter Normung, die in den nächsten Jahren massiv ausgebaut werden soll", warb der Erdgas-Experte. Er verwies auf Pläne der Bundesregierung, das Netz bis 2025 von derzeit 900 Tankstellen auf 2.000 Füllpunkte mehr als zu verdoppeln. Der Erdgasantrieb sei mit seiner hohen Effizienz in der Verbrennung der mit Abstand sauberste fossile Kraftstoff, der nahezu Partikelfrei verbrenne, ohne riesigen Aufwand zur Reinigung der Abgase betreiben zu müssen, erklärte Pretscher weiter. So reduziere sich der Stickoxidausstoß im Vergleich zum Diesel etwa um 80 Prozent. Mittlerweile sei auch die Motortechnik für die im Vergleich zum Diesel und Benziner höheren Verbrennungstemperaturen gewappnet, etwa mit verstärkten Zylinderkopfdichtungen oder Ventilen, sodass die Langlebigkeit der konventionellen Aggregate erreicht werde.

Nachteile bei Zuladung, Reichweite und Preis

Nachteile muss man allerdings weiter bei der Nutzlast und bei der Reichweite in Kauf nehmen. Ein Fiat Panda im Kleinwagensegment oder ein Fiat Ducato bei den Transportern erzielen mit ihren 12- und 36-Kilo-Tanks eine CNG-Reichweite von 400 Kilometern. Dazu kommt aber je nach Modell noch die Benzinreichweite, die die Emissionsbilanz allerdings verschlechtert. Das Mehrgewicht liegt beim Panda etwa bei 50 Kilo, beim Ducato sind es 270 Kilo, die für die zusätzliche Erdgastechnik und die Tanks anzusetzen sind. Bei den Pkw wird auch der Kofferraum leicht eingeschränkt, bei den Nutzfahrzeugen liegen die Tanks dagegen unterflur und laderaumneutral.

Trotz Ölpreisbindung: Teils halbierte Kraftstoffkosten

Den Nachteilen entgegen hält der CNG-Mann die deutlich niedrigeren Kraftstoffkosten pro 100 Kilometer, die beim Fiat Panda mit 3,32 Euro etwa die Hälfte eines Benziner-Pendants ausmachten. Damit könne eine Amortisation der Mehrkosten zum Benziner von etwa 2.500 Euro beim Fiat Panda in etwa zweieinhalb Jahren dargestellt werden, versprach der Fachmann. Nicht zuletzt gebe es beim Erdgasantrieb auch weniger Abweichungen der Prüfzyklusangaben von den Realverbrauchswerten, so der Experte. Ein Hemmschuh für eine bessere Kostenbilanz sei die nach wie vor bestehende Bindung des CNG-Preises an den Ölpreis, die nicht mehr zeitgemäß sei.

Neben dem Kleinwagen Panda bietet der Hersteller eine komplette Palette von CNG-Modellen über den Punto, den Kombi-Transporter Qubo den Familien-Van 500L sowie den Nutzfahrzeugableger Doblo Kombi als Erdgasvarianten an. Zudem gibt es die Nutzfahrzeuge Fiorino Kasten und Ducato als CNG-Varianten. Einen Fahrbericht mit den CNG-Pkw von Fiat lesen Sie in der nächsten Ausgabe von VM.

Was bedeutet das?

Fiat hat nicht ganz unrecht: Bei aller Elektro-Euphorie sollte man die bereits heute existierenden Alternativen nicht vergessen. Dass Erdgas endlich aus seiner Nische herausfindet, wird FCA sicher nicht bewirken können. Doch man hofft hinter vorgehaltener Hand auf den mächtigen Volkswagen-Konzern, der derzeit die Flucht nach vorn weg vom Diesel hin zum Erdgas antritt und dem Thema generell Vorschub leistet. Fiat sollte diese Chance nutzen. Denn ansonsten sieht es vergleichsweise mau aus, gerade in Sachen Elektromobilität. Die zarten Pflänzen beim Hybrid oder Elektro spielen sich alle eher halbherzig in den USA ab, ebenso das autonome Fahren (mit Google). Für die Europäer im FCA-Imperium ist Erdgas der einzige Trumpf im Ärmel. Dafür, dass er sticht, ist man eigentlich gut aufgestellt - jetzt sollte man aber nicht nur "Gutes tun, sondern auch drüber reden", wie eine vielgedroschene Marketingformel besagt. Das tut Turin definitiv zu wenig.