CAR-Symposium Bochum: Geely mischt die Karten der Branche neu

Beim Auftakt-Talk des 18. CAR-Symposiums blickt der Veranstalter über den europäischen Tellerrand hinaus und schafft Einblick in Denken und Handeln des chinesischen Geely-Konzerns. Der setzt seine Beteiligungstour fort: Nach Volvo AB Lkw sollen auch Daimler-Anteile auf der Einkaufsliste stehen - alles im Kontext der Elektrifizierung.

Legenden beleben: Geely hat ein Faible für berühmte, aber aus dem Tritt geratene Marken, etwa das London Taxi oder Lotus, eine Marke, die man jüngst von Proton übernahm. / Foto: J. Reichel
Legenden beleben: Geely hat ein Faible für berühmte, aber aus dem Tritt geratene Marken, etwa das London Taxi oder Lotus, eine Marke, die man jüngst von Proton übernahm. / Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Eine Videobotschaft des Chairmans des chinesischen Geely-Konzerns Li Shufu hat zur Eröffnung den Ton des 18. CAR-Symposiums in Bochum gesetzt. Flankiert wurde das Statement von den wenig zuvor bekannt gewordenen Meldung, Geely interessiere sich an der Batterietechnologie des Daimler-Konzerns. Zu diesem Zwecke habe der "Henry Ford von China" in großem Stil begonnen, Aktien der Schwaben zu kaufen, wie aus Finanzkreisen verlautbart worden war.

Es ist nicht bestätigt, passt aber genau in das Muster, das Geely Bord-Member Carl-Peter Forster von seinem respektvoll "Chairman Li" genannten Chef zeichnet: Alleine werde man das künftig erforderliche Batterievolumen nicht bereitstellen können. "Wir stehen im Wettbewerb, aber sollten in Teilen, wo es sinnvoll erscheint kooperieren", erklärte Forster bei seinem Statement in Bochum. Auch beim autonomen Fahren werde es nicht einer alleine schaffen, gab sich der ehemalige BMW- und Opel-Manager überzeugt.

Den Marken eine Chance geben, aber richtig

Passend sandte der umtriebige Konzernchef Li aus Fernost noch eine klare Botschaft ins 1.200 Teilnehmer fassende Publikum in der RuhrCongress-Halle. Die Beteiligung an diversen europäischen Marken habe schon jetzt auch Europa Wachstum und Wohlstand gebracht. Er spielte auf die Erfolggeschichte der Marke Volvo an, die man nach der "Methode Geely" wiederbelebte. Forster beschreibt es so: "Wenn Chairman Li für eine Marke eine Chance sieht, dann investiert er - und zwar so ausreichend, dass es auch funktioniert". Dabei lege man Wert auf hohe Freiheitsgrade der jeweiligen Marke, aber eben auch die konsequente Nutzung von Synergien im Konzern.

Wiederbelebung von Marken: Zum Beispiel London Taxi Company

Als Beispiel führte der Manager unter anderem die Wiederbelebung des London Taxi Cab mit der Marke LECV an. Hier könne man exemplarisch sehen, wie der Wert einer Marke erkannt werde und dann versucht, einen rentablen Ansatz zu finden. "Für eine kleine Stückzahl von 20.000 bis 30.000 Exemplare mussten wir neue Wege gehen", schildert Forster. Die Alu-Struktur wird etwa geklebt statt geschweißt, die Batterien stammen aus dem Volvo-Regal, ebenso der 3-Zylinder-Range-Extender an Bord der grünen "Black Cab".

Lynk&Co: Eine "coole" Marke ohne Vertriebsnetz

Und ein komplett neuer Ansatz für den Automobilbereich wird vom chinesischen Konzern mit Lynk & Co verfolgt, einer Marke, die ohne Service- und Vertriebsnetz auskommen soll und nur "Mobilitätserfahrungen" anbietet, wie Lynk-Chef Alain Visser schildert. "Wir verkaufen keine Autos, sondern Premium-Mobilität", formuliert der Manager. Eine weitere Automarke brauche der Markt nun wirklich nicht. Man stelle aber ein verändertes Mobilitätsbedürfnis und ein anderes Erwartungsprofil vor allem unter jüngeren Leuten fest, auf das Geely reagieren wolle. "Wir wollen das Netflix oder Spotify der Autobranche sein", gab Visser als Credo aus. Der Verkaufsstart in China sei dem Vernehmen nach sehr positiv gewesen, die Käuferschaft sehr jung und urban.

Fertigung bei Volvo in Gent im Gespräch

Nachdem die ersten 6.000 Fahrzeuge schnell vergriffen waren, hält man eine Marke von 100.000 Exemplaren in China und 500.000 Fahrzeugen weltweit für ein "relaxed target", ein konservativ gerechnetes Ziel, so Visser. Möglichst lokal soll der Lynk gefertigt werden, im Gespräch ist das Volvo-Werk im belgischen Gent. Und möglichst schnell lieferbar: "Das ist eines der Mankos bei den etablierten Herstellern - es dauert Monate bis zu Lieferung. Bei uns soll man heute bestellen und morgen sein Auto abholen", erläutert Visser. Dafür gibt es auch nur sechs statt tausender Optionen, weil von Haus aus alles an Bord sei.

Man holt seinen Lynk auch nirgends ab, man bekommt ihn geliefert. Denn Händlernetz gibt es keines, das senkt die Vertriebskosten massiv. Den Service sollen mal die Volvo-Werkstätten erledigen, ohne dass der Kunde aber direkten Kontakt hätte. "Das wollen wir unbedingt vermeiden", so Visser. Dass auch Volvo jetzt direkt online vertreibt ("care by Volvo") sei übrigens inspiriert von der Lynk-Vertriebsidee. Man wolle jetzt beobachten und aus den Erfahrungen lernen, meinte der Manager. Der Verkaufsstart in Europa ist jetzt für Ende 2019 angepeilt, auch im Leasing, Miete und Sharing, versteht sich, wie Visser betont. Alles andere wäre auch "uncool".  

Lotus und jetzt Volvo AB: Die Tour geht weiter

Der nächste "Streich" soll die Reanimierung der Marke Lotus werden, wo Geely ebenfalls Potenzial sieht. Und nebenbei interessiert sich "Chairman Li" natürlich auch für Nutzfahrzeuge, genauer gesagt, für deren Elektrifizierung, wie Forster anmerkte. So erklärt sich auch der Schachzug vom vergangenen Dezember, für 2,8 Milliarden Euro acht Prozent an dem Lkw-Konzern zu übernehmen und damit zum größten Einzelaktionär aufzusteigen. "Chairman Li" hat einen Plan. Vielleicht ergibt sich daraus sogar die Wiedervereinigung der Marken mit dem Pfeil im Emblem.