Abgasskandal: Daimler muss 238.000 Diesel-Fahrzeuge zurückrufen

Neben dem Transportermodell Vito mit 1,6-Liter-Renault-Motor müssen auch Pkw-Modelle der Typen C 220d und CLC 220d zurück ins Werk wegen Verwendung einer illegalen Abschalteinrichtungen.

Zurückgerufen: Das Verkehrsministerium ordnet einen Rückruf zahlreicher Daimler-Modelle an, darunter auch die der GLC 220d und das Modell 220d der C-Klasse. Sie feierte 2014 in Detroit Premiere und wurde jüngst überarbeitet. | Foto: Daimler
Zurückgerufen: Das Verkehrsministerium ordnet einen Rückruf zahlreicher Daimler-Modelle an, darunter auch die der GLC 220d und das Modell 220d der C-Klasse. Sie feierte 2014 in Detroit Premiere und wurde jüngst überarbeitet. | Foto: Daimler
Johannes Reichel

Der Daimler-Konzern muss deutlich mehr Fahrzeuge wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen zurückrufen als bisher angenommen. Neben den Euro-6-Modellen des Transporters Vito mit 1,6-Liter-Motor vom Typ OM 622 (109CDI/111 CDI), von denen bereits um die 5.000 Exemplare zurückbeordert wurden, sind auch die Volumenbaureihen der Pkw-Sparte von Mercedes-Benz, die C-Klasse 220d sowie der Kompakt-SUV GLC 220d, jeweils Euro 6 betroffen. In Deutschland erstreckt sich der Rückruf auf 238.000 Autos, europaweit sollen es 774.000 Fahrzeuge sein. Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte zu Beginn der Abgasaffäre um manipulierte Diesel-Motoren beteuert, bei Daimler werde nicht betrogen, es gebe keine illegalen Abschalteinrichtungen. Laut Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der den Rückruf angeordnet hatte, habe Daimler zugesichert mit "maximalem Abarbeitungstempo und in kooperativer Transparenz mit den Behörden die vom Bund beanstandeten Applikationen in der Motorsteuerung" zu beseitigen, wie Spiegel Online berichtet. Der Online-Dienst will zudem erfahren haben, dass Daimler im Gegenzug aber eine Art Amnestie fordere: Für den Rückruf soll das KBA auf weitere Prüfungen gegen den Konzern verzichten.

Bei der jüngst präsentierten Modellpflege der C-Klasse mustert der Hersteller die von Renault bezogenen OM 626-Aggregate nach nur vier Jahren Laufzeit wieder aus und setzt auf den komplett neuentwickelten OM654-Motor, der mit einer motornahen Abgasreinigung alle Emissionsanforderungen des WLTP-Zyklus und RDE erfüllen soll. Dieser Motor wird auch als Hybrid-Variante kombiniert. Außerdem stellt man einen 1,5-Liter-Turbo-Benziner vor, der mit einem 48-Volt-System gekoppelt wird und mit einem Ottopartikelfilter ausgerüstet ist.

Was bedeutet das?

Jetzt ist es amtlich: Nach Volkswagen hat auch Daimler eine aus Sicht des KBA illegale Abschalteinrichtung verwendet - und das sogar bei neueren Euro-6-Modellen. Was bisher nur als dringender Verdacht bestand, ist jetzt Beweis, zumindest aus Sicht der Behörden. Auch in Stuttgart wurde getrickst. Daimler sieht das naturgemäß anders versucht sich aus der Affäre zu formulieren: Die Funktionen seien Teil eines komplexen Abgasreinigungssystems, das "eine robuste Abgasreinigung bei unterschiedlichen Fahrbedingungen und über die Nutzungsdauer eines Fahrzeugs sicherstellen soll", wie es im O-Ton heißt. Und die Geschichte geht weiter: Noch beteuert Renault zwar, als Lieferpartner der 1,6-Liter-Diesel-Motoren nichts damit zu tun zu haben. Aber so richtig glauben kann man das nicht mehr, nicht, nachdem einige Modelle der Franzosen bei Nachprüfungen mit verheerenden Abgaswerten außerhalb des Labors aufgefallen waren. Die französische Behörde für Betrugsbekämpfung (DGCCRF) wirft Renault sogar vor, seit 1990 Abschalteinrichtungen zu verwenden - mithin der Erfinder der unseligen Abgas-Trick-Technik zu sein. Gut möglich, dass dies jetzt tatsächlich der Todesstoß für den Diesel ist, trotz aller Beteuerungen, jetzt werde der Selbstzünder wirklich sauber. Die aufstrebende Elektro-Automacht China wird die Selbstzerlegung der Europäer entspannt verfolgen und ist schon mit Nachdruck dabei, diese unverhoffte Chance zu nutzen. Was für ein Debakel für die stolze deutsche Autobranche, deren Versprechen man ja lange geglaubt hat. Aber vielleicht auch eine Chance, das Ruder nun umso entschlossener herumzureißen, die Chance für eine Katharsis. Das Autobauen hat man sicher nicht verlernt - und die Nachfrage ist hoch wie nie.