Mobilität

Visionen rund ums schwarze Rund

Michelin meint es ernst mit seinem Engagement für die CO2-freie Mobilität und lud Mitstreiter aus der ganzen Welt zu einer Konferenz nach Montreal.

Bilder: C. Hartrmann, Michelin/Agnieszka-S, Allen McEachern, Jimmy Hamelin
Bilder: C. Hartrmann, Michelin/Agnieszka-S, Allen McEachern, Jimmy Hamelin
Christine Harttmann

Mehr als 5.000 Menschen kamen vom 30. Mai bis 1. Juni auf der Movin’on-Konferenz 2018 in Montreal zusammen. Die Reise auf sich nahmen nicht nur Politiker und Manager, um schon heute Lösungen für Verkehrsprobleme von morgen zu suchen und zu finden, sondern auch Start-ups, Interessierte und Fans der Mobilität. Alle bewegte in unterschiedlichen Facetten die Frage nach der Mobilität von morgen und übermorgen. Die Anwesenden diskutierten über den richtigen Antrieb und schmiedeten Pläne für eine Citylogistik, die allen Anforderungen der Städter gerecht wird. Wer wollte, konnte in Workshops sogar seine eigenen Zukunftsideen einbringen.

Die Konferenz hat der Technologiekonzern Michelin im vergangenen Jahr erstmals federführend initiiert, als Weiterentwicklung der Challenge Bibendum, die der Konzern 1998 ins Leben gerufen hatte. Schon dort wurden technische Lösungen und Konzepte für eine nachhaltige Mobilität im Straßenverkehr vorgestellt. Intention der Movin’on sei es nun gewesen, so Konzernchef Jean-Dominique Senard, Unternehmen und Organisationen, mit denen man die Überzeugung teile, „dass wir Konzepte für einen CO2-freien, kostengünstigen und sicheren Verkehr brauchen“, eine Plattform zu bieten, die noch über die Bibendum hinausgeht.

Die Verkehrswende muss für weniger Fahrzeuge sorgen
Nichts weniger als eine Verkehrswende hält Senard für geboten. Nicht mehr, sondern weniger Fahrzeuge müssten auf die Straße. Und die müssen CO2-frei werden. „Dafür brauchen wir Regulierungen sowie private und öffentliche Initiativen“, so Senard. Notwendig sei außerdem, die Transporte – ganz gleich ob es sich um Menschen oder um Güter handelt – effizienter zu gestalten.

Eine Möglichkeit dafür ist eine Verkehrswende hin zur Elektromobilität. Wie kommod die sein kann, davon konnten sich die Besucher auf Testfahrten überzeugen. Wer wollte, durfte nach vorheriger Anmeldung eines der vielen Elektromodelle testen, die draußen vor der Halle frisch geputzt in der Sonne glänzten, darunter ganz noble Modelle von Tesla, Nissan, BMW, Karma, Ford oder Honda. Sogar ein Pick-up war dabei, umgebaut von Ecotuned, einem Start-up, das aus einer Forschungsgruppe der Montrealer Universität heraus entstand. Die jungen Leute haben sich auf die Elektrifizierung von Pick-ups spezialisiert.

Eine kleine Runde mit diesen E-Fahrzeugen über Montreals Straßen machte, nebenbei gesagt, nicht nur Spaß. Man lernte auch ein bisschen etwas über die Verkehrsregeln, die dort manchmal eben anders sind als bei uns. Und weil der Nissan Leaf nur leise vor sich hin surrte, war die Fahrt auch eine gute Gelegenheit, sich von dem Nissan-Mitarbeiter auf dem Beifahrersitz ein paar Infos über die Technik des Fahrzeugs geben zu lassen. Gut 250 Kilometer schafft der Leaf, bei dem die Bremse auf dem Rundkurs durch die Stadt unangetastet bleibt, die höchste Stufe der Rekuperation reicht in jeder Situation.

Im Eröffnungspanel reden sich derweil die Diskutanten die Köpfe heiß. Kate White, im Staat Kalifornien für die Umweltpolitik zuständig, setzt bei der Verkehrswende weniger auf technische Innovationen. Sie präferiert lieber den Gedanken des Teilens. Dadurch seien nicht so viele Autos auf der Straße unterwegs, die würden dafür öfter fahren und wären besser ausgelastet. Sie selbst habe nie ein eigenes Auto besessen, erklärt die hochrangige Umweltpolitikerin. Stattdessen beteiligt sie sich in San Francisco lieber an Carsharing-Projekten. White würde dazu gerne noch mehr Menschen animieren. Doch viele bevorzugten „business as usual“. Deswegen, davon ist die Politikerin überzeugt, müsse man Anreize zum Umstieg schaffen. „Wir müssen die Fakten ändern und dafür sorgen, dass der Umweltschutz profitabel ist.“

Die Zahl der Pkw wächst (immer noch) schneller als die der Einwohner
Montreals Bürgermeisterin Valerie Plante kämpft ebenfalls tagtäglich mit der Verkehrsmenge. Zu viele Autos seien auf den Straßen ihrer Stadt unterwegs – eine Million etwa. Die Zahl der Pkw nehme schneller zu, als die Bevölkerung wachse. „Aber wir können nicht noch mehr Straßen bauen“, sagt die Politikerin, deren Stadt zu allem Überfluss noch auf eine Insel im Fluss gebaut ist. „Allerdings können wir in den öffentlichen Nahverkehr investieren“, erklärt die Bürgermeisterin, die damit den überbordenden Verkehr und die dadurch bedingte Luftverschmutzung bekämpfen will. Plante zufolge helfen dagegen nur alternative Logistikkonzepte, die alle Verkehrsteilnehmer im Blick haben – Pkw, Busse, Lkw, Fußgänger und Radfahrer.

Gerade erst hat die kanadische Stadt in 300 Hybridbusse investiert. Elektrobusse kamen wegen der kalten Winter hier am Sankt-Lorenz-Strom nicht in Frage, momentan noch zu unzuverlässig, meint Plante. Auch eine neue U-Bahn-Linie will die Politikerin bauen. Dazu kommt ein gut ausgebautes Netz mit Fahrradwegen. Das Radwegenetz auf der Île de Montréal ist über 530 Kilometer lang und wird laufend ausgebaut. Den ersten Fahrradweg gab es bereits im 19. Jahrhundert. Aber auch die Fußgänger dürfe man nicht vergessen, sagt Plante. Bei allen ihren Initiativen will die Montrealer Bürgermeisterin, die im Übrigen selbst sehr gerne auf das Fahrrad steigt, die Bevölkerung mitnehmen. Restriktionen, sagt sie, seien kein guter Weg. „Städte können viel tun für die Veränderung. Sorge für den Wunsch nach Veränderung und die Veränderung wird kommen.“

Wie ein modernes Citylogistikkonzept im Jahr 2025 aussehen könnte, stellte Manoëlla Wilbaut, bei DHL für die globale Geschäftsentwicklung verantwortlich, den Teilnehmern ihres Workshops vor. Logistik sei für die Wirtschaft so wichtig, wie das Blut in den Adern der Menschen. „Deswegen ist auch die Citylogistik essenziell und wir müssen uns Gedanken darübermachen, wie diese in der Zukunft funktionieren kann“, sagte Wilbaut. Als Beispiel führte sie das gerade erst in Berlin gestartete KoMoDo-Projekt an. Verschiedene KEP-Dienste teilen sich dort Mikrodepots, von denen aus sie Pakete per Lastenrad ausliefern. Beim Transport der Trailer in der Stadt können StreetScooter zum Einsatz kommen – eine weitere in Deutschland geborene Idee. Hinzukommen könnten Drohnen, Lieferroboter, die Kofferraumzustellung sowie mit Biogas-betriebene Lkw. Das alles richtig clever vernetzt und Zero Emission, die DHL-Mission für 2050 könnte funktionieren.

Autonomes Fahren mit Netz und doppeltem Boden
Die Aussteller auf dem Circuit am Cai Jacques-Cartier, etwas abseits des Veranstaltungsgeländes, setzen auf die autonome Mobilität. Der Golf, den Kopernikus Automotive in die Runde schickte, schaffte den Kurs ganz ohne Fahrer. Um den zu ersetzen, hat die Ingolstädter Ideenschmiede den Kofferraum des Fahrzeugs mit jeder Menge Software und Hardware vollgepackt und ihm technische „Augen“ verpasst: Auf dem Armaturenbrett sind Kameras montiert und auf dem Dach sitzt ein Lear-Radar, der das Umfeld im 360-Grad-Radius scannt. Nur im Notfall greift der Mann ein, der zur Sicherheit hinter dem Steuer sitzt. Falls notwendig reguliert er Lenkbewegungen, bremst oder gibt Gas. Er „erzieht“ die Software, wie Stefan Jenzowsky, Co-Founder von Kopernikus Automotive, erklärt. „Wann immer der Fahrer bremst oder den Wagen in einer bestimmten Situation ein wenig weiter nach rechts lenkt, registriert die Software das und merkt es sich. Das nächste Mal wird sie in dieser Situation dann entsprechend anders reagieren.“ Die Computer, mit der Kopernikus den Golf steuert, übernimmt zwar das Steuer, greift aber nicht in die Herstellersoftware von VW ein. Falls also das Kopernikus-System aus irgendeinem Grund versagt, beispielsweise weil ein Steinschlag die Kamera in der Frontscheibe zerstört, springen die Sicherheitsfeatures der Herstellersoftware ein – ein Sprungtuch für den Notfall sozusagen.
 

Wie eine Software dabei helfen kann, den Verkehr nicht nur zu elektrifizieren, sondern vorhandene Kapazitäten besser zu nutzen, zeigte OpenFleet. Ob Fahrzeugvermieter, Carsharing-Betreiber oder Flottenmanager – die im Start-up Village präsentierte App eignet sich zur Verwaltung geteilter Fuhrparks. Mit ihr zeigt das Smartphone an, ob und wo ein Auto bereitsteht und welche Ausstattung es hat. Dank der App finden die Mieter auf ihrem Telefon außerdem Rabattangebote und können ihre Rechnung abrufen. Weil das Tool über den Ladezustand der Elektroautos informiert, eignet es sich ganz besonders für die Verwaltung elektrifizierter Flotten. Hier in Montreal kann OpenFleet dabei gleich auf einen prominenten Kunden vor Ort verweisen: Bonjour. Das rein elektrisch fahrende Taxiunternehmen, dessen grünes Logo in der Stadt auffällt – weniger wegen des Designs, sondern eher, weil so viele dieser Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind.

Die Politik muss führen 
und Grenzen setzen
Doch damit sich solche innovativen Ideen durchsetzen, brauchen sie die Unterstützung der Politiker. Michelin-Chef Jean-Dominique Senard forderte daher Regulierungen und Vorgaben für Klima- und Umweltschutz. Oder, wie es die stellvertretende Umweltsekretärin des Staates Kalifornien, Kate White, ausdrückte: „Regierungen müssen führen. Sie dürfen sich nicht nur auf das Managen verlassen.“ Denn, solange die Politik dem CO2-Ausstoß keine Grenzen setze, werde es extrem schwierig sein, neue Technologien auf dem Markt zu etablieren.

Genau die aber braucht es ganz dringend, ist Bertrand Piccard von der Solar Impulse Foundation überzeugt. „Die Regierungen müssen beim Thema Verkehr und Umweltschutz eine Führungsrolle übernehmen und dürfen sich nicht nur als Manager betätigen“, forderte er. Der Pionier des Fliegens ganz ohne Treibstoff, der 2015 und 2016 die Welt in seinem Solarflugzeug Solar Impulse umrundet hat, setzt auf eine elektrische Zukunft. „Die einzige Frage ist, ob mit Batterie oder mit Wasserstoff“, sagte Piccard, der darauf auch gleich selbst eine Antwort gab: „Die Batterien sind in ihrer Kapazität begrenzt. Sie haben zu viel Gewicht. Für den Schwerverkehr wird deswegen der Wasserstoff die Zukunft sein.“ Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Brennstoffzelle lässt Piccard dabei nicht gelten. „Die Wasserstoffmobilität zu entwickeln hat zwar einige Zeit gedauert. Doch nun gibt es sie und sie funktioniert“, sagte der Flugpionier, der auch überzeugt ist, dass in acht oder neun Jahren die Elektromobilität sogar in der Flugzeugbranche Einzug halten wird. Und wenn das tatsächlich gelingen sollte, wäre daneben der elektrische Lieferverkehr doch tatsächlich ein Klacks.

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