Mobilität

Für die E-wigkeit: Jaguar Land Rover Classic hat einen E-Type elektrifiziert

Könnten Klassiker so künftig unsterblich gemacht werden? 


Jaguar Land Rover Classic
Jaguar Land Rover Classic
Gregor Soller

Seit Rajan Tata bei Jaguar Land Rover das Sagen hat, blüht der Konzern regelrecht auf. Das zieht sich nach Insider-Informationen bis in die Klassiksparte, die unter Leyland oder Ford eher als „notwendiges Übel“ denn als notwendig erachtet wurde. Dies hat sich geändert: Die Klassiksparte „Jaguar Land Rover Classic Works“ residiert nahe dem alten Jaguar-Hauptsitz in einem unspektakulären Industriequader in der Oxford Road zu Ryton on Dunsmore, südlich von Coventry. Hier entsteht hinter verschlossenen Türen ein Teil der Zukunft. Klassische Zukunft samt britisch-wilder Ideen, welche die Elektrifizierung in Klassiker bringt – ab Werk und damit: absolut original … irgendwo ...

Denn: Klassiker könnten eines Tages nur noch auf abgesperrten Strecken bewegt werden, wenn dereinst ausschließlich autonome Zero-Emission-Saubermänner zugelassen sind. Pech für alle Oldtimerliebhaber, die alten Klängen, Gerüchen und Formen frönen – zumindest am Wochenende, manchmal gar täglich. Und da künftigen Generationen vielleicht die schöne Hülle genügt, die leise und emissionsfrei bewegt werden kann, ganz ohne lästiges Schalten und Kuppeln, elektrifizierte man jetzt eben probehalber mal die Konzernikone: den Jaguar E-Type.

Wie so etwas als neu auferstandener Verbrenner aussehen könnte, demonstrierte die Classic-Sparte bereits auf diversen Oldtimermessen. Der Anspruch, das Auto dann besser als das Original zu machen, führte auch dort schon zu geringfügigen Verbesserungen, die Substanz- und Originalitätsfanatiker zweifeln lässt. Wo man „beim Daimler“ sogar alte, nicht wasserbasierte Giftlacke neu anmischt, nehmen sie in Coventry einen E-Type der Serie 1.5, reißen ihm sein legendäres Sechszylinder-Herz heraus und implantieren ihm stattdessen einen Elektroantrieb – shocking! Oder genial?

Die Briten meinen es jedenfalls bitterernst mit dem so entstandenen „E-Type Zero“: „Mit dieser Studie möchten wir zeigen, dass es auch für Liebhaber klassischer Jaguar-Modelle Antriebsalternativen für die Zukunft geben kann. Im nächsten Schritt prüfen wir auf Basis der Reaktionen unserer Kunden eine Markteinführung des E-Type Zero“, erklärt stolz Tim Hannig, der Direktor von Jaguar Land Rover Classic. Immerhin achtete man in den Midlands bei der Gewichtsverteilung und Leistung darauf, möglichst nah am Verbrenner-Original zu bleiben, wenngleich der „E-E-Type“ alles eine Idee besser können soll, ohne das originale Fahrgefühl zu sehr zu verwässern. Dazu wurde die Leistung der E-Maschine sogar extra etwas gedrosselt! Trotzdem erreicht der „Elektriker“ mit 5,5 Sekunden eine Sekunde schneller Tempo 100 als das Original.

Das Elektroherz leistet 220 Kilowatt und wurde speziell auf den E-Type abgestimmt. Mangelnde Liebe zum Detail kann man den Briten dabei nicht vorwerfen: Denn die Lithium-Ionen-Batterie soll in ihren Abmessungen und im Gewicht ziemlich genau dem normalerweise unter der Haube sitzenden XK-Sechszylinder entsprechen und auch die Einbaulage ist laut Hannig identisch. Elektromotor und das Untersetzungsgetriebe packte man gleich hinter die Batterie – und damit ebenfalls an die gleiche Position wie die Viergang-Schaltbox des historischen Vorbilds. Eine neue Kardanwelle leitet die Kraft an das Differential und den Achsantrieb weiter. Kleiner positiver Nebeneffekt des neuen Packages: Es soll gegenüber den Originalteilen 46 Kilogramm Gewicht sparen. Den elektrischen Antriebsstrang entwickelte ein Spezialist für E-Antriebe nach exakten Vorgaben durch Jaguar Land Rover Classic gemeinsam mit Ingenieuren von Jaguar Land Rover. Dabei nutzten die Teams auch Technologien und Komponenten aus dem kommenden I-PACE. Im Alltag soll eine Reichweite von bis zu 270 Kilometern drin sein. Und die 40 kWh-Batterie lässt sich, je nach Stromquelle, über Nacht in sechs bis sieben Stunden wieder aufladen.

 

Ansonsten übernimmt der E-Type Zero laut Hannig die gesamte Struktur, darunter Aufhängungen und Bremsen, vom Original, was wiederum die Homologation erleichterte. Und wie fühlt sich das an? Dezent, leise, aber sonst tatsächlich ziemlich unverfälscht. Denn bis auf den Antrieb und dem leicht modifizierten Armaturenbrett ist der Neuaufbau absolut original. Sprich, eng wie das Original. Und trotz leicht modifiziertem Fahrwerk mäßig komfortabel und bei höheren Tempi natürlich zugig wie das Original. 
Nachts helfen immerhin energieeffiziente LED-Scheinwerfer, die Straße etwas besser auszuleuchten als die originalen Rundscheinwerfer, die weder für ihre Leuchtstärke, noch für ihre Zuverlässigkeit bekannt waren – auch dem E-Type schlug „Lucas, der Herr der Finsternis“ immer mal wieder ein Elektrikschnippchen – das jetzt Vergangenheit ist. Und weil eben auch die Gewichtsverteilung praktisch identisch ist, fährt, bremst und federt der Stromer ziemlich exakt so wie sein verbrennender Counterpart des Jahres 1968. Sie vermissen nun doch das Röhren des legendären XK-Reihensechszylinders? Dann könnte man den Type Zero notfalls auch wieder zurückrüsten: Laut Hannig wurde der elektrische Antriebsstrang exakt in die bestehende Struktur des E-Type implantiert. „Das heißt, dass jederzeit auch wieder ein konventioneller Motor eingebaut werden kann. Wir denken, das ist sehr wichtig, um die DNA eines historischen Jaguar nicht zu beschädigen“, tröstet der JLR-Klassikchef Originalitätsfetischisten.

Natürlich hat das Ganze einen Haken und der betrifft natürlich einmal mehr die Finanzen. Schon ein neu auferstandener Standard-E-Type kostet wegen des enormen Anteils an britischer Handarbeit um die 300.000 Euro. Und der E-Type Zero? „No comment“, gibt sich Lily Byrne, die für Jaguar Classic die Kommunikation betreut, in feinstem british-english sehr zugeknöpft: Ja, man hätte viele Interessenten und man sammle gerade die Anfragen. Daraus ergäbe sich dann „eine finanzielle Kalkulation der möglichen Elektrifizierung von Klassikern.“ Am Ende des Tages muss in dem unspektakulären Industriekomplex genauso unspektakulär gerechnet werden wie in jedem anderen Industrie-Betrieb. Denn auch von seiner hübschen britischen Tochter erwartet der indische Vater, dass sie auf eigenen Beinen steht.

Auf den Punkt

Er ist … eine interessante Möglichkeit, historische Fahrzeuge „original“ zu elektrifizieren.

Ideal für … alle, die Elektroantrieb und Historie verbinden wollen.

Schön, dass … es diese Möglichkeit „ab Werk“ gibt.

Schade, dass … das Ganze so teuer ist.

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