Mobilität

Watt in den Waden

Es kam ganz anders als gedacht: Anfangs sollte das E-Bike ein altes Fahrrad ersetzen, stattdessen löste es das Auto ab und änderte die Mobilität komplett.
 (Von Luitpold Leeb)

Bild: D. Leeb
Bild: D. Leeb
Redaktion VISION mobility

Die Midlife-Crisis habe ich auch ohne den Ankauf einer Harley-Davidson gut überstanden und bin meinem Fahrrad treu geblieben. Jetzt sogar mehr denn je – da ich es auch für Dienstreisen bis 40 Kilometer Radius nutze.

E-Bike? Brauche ich nicht – dachte ich. Bis mich eines Tages an einer leichten Steigung ein fröhlicher Rentner mit einem solchen überholte, während ich bergauf keuchte. Das bewirkte einen Sinneswandel: KTM warb mit einer Probefahrt für seine elektrifizierten Zweiräder und ich beschloss, dieses Angebot wahrzunehmen. Wenige Runden genügten und ich war begeistert: Das Macina Street hat zehn Gänge. Ein starker Bosch-Motor (Performance Line) mit satten 60 Nm Maximaldrehmoment bietet immer genug Kraft, die zwischen „Eco“ und „Turbo“ auch variabel zuschaltbar ist.

Schon auf der Heimfahrt vom Händler entdeckte ich zahlreiche Unterschiede zum herkömmlichen Fahrrad: Statt wie bisher mit etwa 18 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit war ich jetzt im Schnitt mit 23 km/h unterwegs. Hört sich nach wenig an, macht aber in der Praxis einen ganz schönen Unterschied, insbesondere weil ich jetzt auch in der Lage war, die besagten Steigungen mit flotten 25 km/h hinaufzuradeln.

Natürlich ist es auch eine Art von Selbstbetrug, aber irgendwie fühlte ich mich plötzlich viel jünger! Meine Begeisterung muss ansteckend gewesen sein, denn kurze Zeit später legte sich auch meine Frau ein E-Bike zu. Unsere Mobilität bekam einen ganz neuen Charakter: Fast jede Strecke ließ sich auf zwei statt auf vier Rädern zurücklegen und plötzlich waren Tagestouren von 70, 80 oder 90 Kilometer Länge gar kein Problem mehr. Wir lernten unsere Heimatstadt München samt Umgebung aus ganz neuen Blickwinkeln kennen, entdeckten Parks und Biergärten in Stadtvierteln, wo wir zuvor noch nie gewesen waren. Auch ein Ausflug mit den Söhnen und ihren Freunden, alle Mitte zwanzig, sportlich und durchtrainiert, machte wieder richtig Spaß – ohne elektrische Unterstützung hätten wir mit deren Geschwindigkeit nie mithalten können.

Auf Dienstfahrten: Fast so schnell wie mit dem Pkw
Wenn man mit der Rad-Infrastruktur etwas vertraut ist, merkt man sofort, wie schnell man mit seinem E-Bike unterwegs ist. Daher wird das E-Bike mittlerweile auch für Pendelfahrten eingesetzt, beispielsweise in mein externes Büro, das 16 Kilometer entfernt ist. Für die Strecke reichen mir 40 Minuten, mit dem Auto waren es 30 – je nach Verkehrslage konnte es auch mal länger dauern. Mit einem normalen Fahrrad war das zu weit, denn wer will nach einer Stunde Strampeln verschwitzt im Büro ankommen? Außerdem hatte ich nach der Arbeit wenig Motivation, den Weg wieder nach Hause zu radeln. Entsprechend stand das Auto immer häufiger und länger in der Garage. Der 2003er Alfa 156 leistet trotz seines Alters noch gute Dienste, wenn längere Strecken oder ein Besuch bei den Eltern im Allgäu anstehen. Und weil er verhältnismäßig wenig Kilometer auf der Uhr hat, wurde ein Neuwagenkauf immer wieder verschoben.

Mehr Drehmoment als eine 883-Kubik-Harley
Stattdessen habe ich mir ein zweites E-Bike zugelegt. Nach drei Jahren und 12.000 Kilometern musste mein altes E-Bike mit einem kaputten Freilauf für eine Woche in die Werkstatt und da habe ich erst gemerkt, wie immobil ich inzwischen ohne E-Bike bin. Denn das Auto ist im immer dichter werdenden Münchner Stadtverkehr keine Alternative mehr und auch der öffentliche Nahverkehr bietet nicht die gewohnte Flexibilität und Geschwindigkeit. Deshalb krönt jetzt ein KTM Macina Style den Fuhrpark. Jetzt mit elf Gängen, Bosch Performance-CX Motor mit satten 75 Nm maximalem Drehmoment und breiteren Reifen, mit denen man auch über Kopfsteinpflaster fahren kann, ohne komplett durchgerüttelt zu werden. Zusätzlich erhöht eine Sattelfederung den Komfort.

Der schicke integrierte 500-Wh-Akku reicht je nach Fahrweise locker für gut 100 Kilometer Reichweite, was je nach Trittgeschwindigkeit zwischen 128 und 178 Kilometer variiert. Ähnlich beim Vorgängerrad: Dort unterstützt der Akku den Tretenden zwischen 90 und 136 Kilometer weit. Die Kapazität nahm bisher nicht messbar ab: Als Topwert waren zu Beginn einmal 146 Kilometer möglich, doch hier eine exakte Alterung zu verifizieren, ist nicht möglich. Anders verhält es sich mit der Lebensdauer, welche der Bosch-Service mit 90 Prozent ansetzt. Über den gesamten Zyklus sollen 1.000 Ladungen möglich sein, rund 100 davon habe ich „verbraucht“.

Nicht zuletzt auch wegen der Kosten hat das E-Bike mein Auto auch auf dienstlichen Fahrten weitestgehend abgelöst: Eine Komplettladung kostet rund 0,8 kWh Strom, also unter 30 Cent, während sich der Alfa rund 8 l/100 km Super genehmigt, was derzeit mit ungefähr 12 Euro zu Buche schlägt. Auch die Reparaturkosten machen einen Bruchteil aus. Und dem Easy-Rider-Gefühl mit Dennis Hopper auf seiner Harley-Davidson komme ich auf meinem E-Bike ohnehin näher – und das sogar aus eigener Kraft!

 

Auf den Punkt
Als Onroad-Modelle sind die E-Bikes universell einsetzbar, weil sie für den Straßenverkehr zugelassen und durchaus auch feldwegtauglich sind. Für Bergsportler gibt es Mountainbike-Fullys, die aber für den Straßenverkehr nachgerüstet werden müssen.

Sie sind … schnelle Verkehrsmittel, die mit Funktionsbekleidung nicht nur bei Schönwetter genutzt werden können.

Ideal für … diejenigen, die ein bisschen Bewegung haben und flott unterwegs sein wollen, ohne Staustress und Parkplatzsorgen wie im Auto.

Schön, dass … es mittlerweile eine große Auswahl an E-Bikes gibt, da ist für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei.

Schade, dass … die Mittelmotoren noch keinen Strom rekuperieren können.

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