Mobilität

Autonome City-Mobilität: Have a nice 
FLAIT!

Nicht weniger als eine Mobilitätsrevolution will ein autonomes, zweisitziges E-Quad des deutsch-britischen Start-ups I.D. anstoßen: umweltfreundlicher Individualverkehr auf Abruf als Mittel gegen den urbanen Kollaps. Könnte klappen.

Bilder:  FLAIT/ J. Reichel
Bilder: FLAIT/ J. Reichel
Johannes Reichel

Die Bühne könnte nicht besser sein: Im Rahmen des Thementages „Vom Fahrer zum Passagier“ beim CAR-Symposium in Bochum fuhr der britische Hersteller Innovative Dragon sein gemeinsam mit der CP Tech GmbH entwickeltes autonomes Elektrofahrzeug FLAIT, „Fast-Lane Artificial-Intelligence Transportation“, auf. Das Beste daran: Der erste Prototyp des futuristischen Quads wirft sich bereits seit Juli 2017 auf dem Testareal im nordrhein-westfälischen Büren lustvoll in die Kurven.

Das zweisitzige, mit Neigetechnik ausgestattete, einspurige und nur einen Meter schmale Fahrzeug soll exakt in die Lücke zwischen ÖPNV und motorisiertem Individualverkehr stoßen und für eine massive Entlastung der Innenstädte sorgen. „Wir wollen einen individuellen Verkehr auf Abruf schaffen. Den Komfort und die Genauigkeit bei den Zielkoordinaten wie im Auto, aber viel umweltfreundlicher und effizienter“, erklärte F&E-Direktor Herwig Fischer im Rahmen seiner Präsentation. Er konstatiert schon heute einen Kollaps des städtischen Verkehrssystems, der sich im Zeichen der weiteren Urbanisierung nicht bessert, sofern man an bisherigen Transportmitteln festhält, so seine Überzeugung. „Neben dem evolutionären Weg, den die Autohersteller beschreiten, brauchen wir auch disruptive Ansätze“, glaubt Fischer. Und der sieht für ihn so aus: Ein einspuriges Gefährt mit zwei gegenüberliegenden Plätzen in einer dem Vernehmen nach recht crashsicheren Käfigkonstruktion, zu denen die Passagiere über eine 1,78 Meter hohe Flügeltür bequem zusteigen, samt Gepäck. „Menschen wollen sich ansehen“, das hätten die Analysen der Entwickler ergeben. Für den Vortrieb sorgen vier Radnabenmotoren, die Batterien im Fahrzeug reichen für 100 Kilometer. Aufgeladen wird per Induktion, wobei die Energie durch mehrere FLAITS durchgeleitet werden kann. Zudem habe man ein Akkuwechselsystem vorgesehen. Vor allem aber fahren die Fahrzeuge komplett autonom. Und, das ist der Clou: Sie werden nicht über GPS gesteuert oder mit aufwändiger Radar/Lidarsensorik an Bord, sondern über ein lokales Funknetz in den Straßenlaternen, die per Frage-Antwort-Signal mit den Fahrzeugen kommunizieren. Fischer nennt das ein „kugelförmiges Signalnetz“.

Selbiges müsste allerdings erst noch aufgespannt werden. „Ein Kilometer U-Bahn kostet 250 Millionen Euro, unser Funknetz hochgerechnet auf die Stadt Köln gerade mal 32,5 Millionen Euro – für 2.600 Kilometer Straßennetz“, wirbt Fischer für das Konzept. Allerdings will er eben keineswegs die U-Bahn oder gar die Busse ersetzen, sondern im Gegenteil: Den ÖPNV ergänzen, wo dieser Schwächen hat. Die sieht Fischer nicht in der Rush-Hour, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel ohnehin zum Bersten voll sind. Sondern eher in den Zwischenphasen und im weiteren Verlauf des Abends, wo die Verkehrsbetriebe im Zweifel viel zu große und damit teure Gefäßgrößen ins Feld schicken. „Das ist ebenso ineffizient wie der motorisierte Individualverkehr“, meint Fischer. Genau den will der Entwicklungschef ersetzen, denn im Schnitt sitzen maximal 1,2 Personen in einem heutigen Fahrzeug. „2-Tonnen SUV mit fünf oder gar mehr Sitzplätzen und riesigem Kofferraum für die Beförderung einer Person, das können wir uns nicht mehr leisten“, stellt er nüchtern fest. Viel zu viel Verkehrsfläche für einen städtischen Raum, der sich schlicht nicht mehr erweitern lässt.

So entstand auch das Konzept: Lang statt breit, dadurch erhöht sich nach den Analysen von ID der Verkehrsfluss massiv. Dazu klinken sich die Fahrzeuge in einer Art „Block-Platooning“ aneinander und sparen so Verkehrsraum. Ausweichsituationen, heute mit weit unterschätzten Auswirkungen verursacht durch parkende Lieferlaster, all das ließe sich leichter meistern. Damit bei dem schmalen Hochbau die Fahrdynamik gewährleistet und die Kippgefahr gebannt wird, setzen die FLAIT-Entwickler auf Neigetechnik, die an beiden Enden gelenkten Räder sorgen für einen sensationellen Wendekreis. In einer Echtzeitsimulation, ausgehend von heute, wuseln die FLAITs in idealen künftigen Verkehrssituationen aneinander vorbei, als wäre der Verkehr ein gut organisierter Ameisenhaufen. Würde der Individualverkehr verdrängt, ließe sich die Effizienz um 1.000 Prozent steigern, schwärmt Fischer. Für den Anfang könnte er sich „priority lanes“ für die FLAITs vorstellen. Auch die Vernetzung mit anderen autonomen Fahrzeugen soll möglich sein.

Und wieso individuell? Der Kunde ordert seinen FLAIT natürlich per App, das Fahrzeug nimmt das Smartphone-Signal auf und holt den Nutzer genau da ab, wo er sich befindet, selbst wenn er ein paar Meter weiterläuft. „Der Kunde gibt vorher einfach das Fahrtziel ein und erhält sofort die Informationen zu Wartezeit, Fahrzeit und Preis. Der Rest inklusive Bezahlung läuft wie von selbst“, verspricht Fischer. Er denkt übrigens nicht nur an den Personenverkehr. Nicht weniger originell ist nämlich der Ansatz für den sogenannten „Cargo FLAIT“ auf der gleichen Basis, bei dem wie bei Legosteinen passende Transportboxen zu einem Fahrzeug zusammengesetzt werden. „Das ist quasi ein rollendes Postamt. Und am Ziel holt der Empfänger sein Päckchen einfach aus der Box“, erklärt der Mobilitäts-Visionär.

Passend zu den ÖPNV-Schwachstellen sollen die FLAITS tarifiert sein. Also teuer in der Rushhour, wenn die Öffis ohnehin gut ausgelastet sind, billig in den Zwischenzeiten, wo ein Bus ökonomisch keinen Sinn macht. Erschwinglich sollen die FLAITs auch noch sein: Für den Betreiber würden die Kilometerkosten nicht höher liegen als bei einem Bus. „Das Konzept ist durch seine Schlichtheit auf hohe Skalierbarkeit ausgelegt. Bei 50.000 Exemplaren kommt man schnell auf sehr reelle Stückpreise“, versichert Fischer. Klingt fast wie das „Ei des Columbus“.

Unser Fazit: Der Ansatz ist bestechend. Urbanisierung und weitere Zunahme des Verkehrs verlangen nach radikal andersartigen Konzepten, Ansätzen wie dem FLAIT. Dieses maximal effiziente Fahrzeug ist wahrlich aufs Wesentliche reduziert und könnte in seiner Art ein „game changer“ für die drängenden Probleme in Ballungsräumen sein. Das schönste daran: Es bringt einen so individuell ans Ziel wie ein Auto, erspart einem aber das nervige Parkplatzsuchen und ist so billig wie ein Busticket. Klar, es sind schon einige hohe Hürden für dieses Konzept zu nehmen, inklusive eines Laternenfunknetzes. Aber solche Visionen braucht der Verkehr von morgen, und zwar am besten schon heute. Nur, wer transportiert‘s der Politik?


Auf den Punkt

Er ist … ein disruptiver, radikaler Neuansatz für individuelle öffentliche Mobilität.
Ideal für … Flautephasen im ÖPNV-Betrieb, wo große Busse sich nicht lohnen.
Schön, dass … der Hersteller gleich noch Infrastruktur und Bedien-APP mitgedacht hat.
Schade, dass … solche Konzepte politisch immer einen schweren Stand haben.
Was haben Flotten davon? FLAIT ließe sich nahtlos in bestehende Fuhrparks integrieren.

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