Konnektivität

Vorsprung durch Vernetzung

Der „Aicon“ gab die Richtung vor für A7 und A8 – wo vor allem das Thema „autonomes Fahren“ weiter getrieben wird. Zeit, in Audis Zukunft einzusteigen.

Mit dem Aicon stellte Audi eine extreme Studie für ein autonomes Fahrzeug vor, was sich vor allem im Interieur zeigt: Es ähnelt eher einer Lounge als einem Pkw.
Mit dem Aicon stellte Audi eine extreme Studie für ein autonomes Fahrzeug vor, was sich vor allem im Interieur zeigt: Es ähnelt eher einer Lounge als einem Pkw.
Gregor Soller

Mit der Studie „Aicon“ schien Audi-Chefdesigner Marc Lichte endlich alle Fesseln abzuwerfen, die Marketing und Produktionstechniken bei den Serienmodellen vorschreiben. Denn auch A7 und A8 dürfen ihre teuren Vorgänger nicht schlagartig „alt“ aussehen lassen und müssen sich im Exterieur optisch entsprechend zurückhalten. Dafür ging der Designer Lichte innen einen deutlich größeren Schritt. Denn diesen großen Schritt ging Audi auch in Sachen Connectivity (und autonomem Fahren) – und das ändert einiges.

Womit wir bei MMI wären, dem „Multi Media Interface“ – einem schönen gläsernen Touchpad, jetzt 10,1 Zoll groß, mit dem sich die Infotainmentfunktionen, wie Musikwiedergabe, Telefon, Navigation und sämtliche Fahrzeugparameter, einstellen lassen. Taster und Schalter wurden auf das absolut nötige Minimum reduziert – dazu betreibt man im Future-Center in Potsdam ausführliche Grundlagenforschung, von der die Topmodelle wie der A8 konzernweit natürlich zuerst profitieren. Ein Ergebnis ist die Notwendigkeit der Rückmeldung, der beiden Touchscreens, die haptisch und akustisch rückmelden. Weiter gibt es die Möglichkeit der Handschrifteingabe (in der Praxis meist ein unsägliches Gekrakel) und Sprachsteuerung. Wesentlichen Fahrfunktionen sind weiter über das Lenkrad bedienbar.

Und weil das Ganze so schick-futuristisch aussieht, legte man bei den neuen Topmodellen auch die Klimatisierung unter einen edlen Glasscreen. Einen ähnlichen Weg ging übrigens Land Rover beim neuen Range Rover Velar, dessen Infotainment und Klimatisierung ebenfalls fast ausschließlich über zwei Screens bedient wird. Und weil fettige Fingerabdrücke diese immer so unschön verschmutzen, entschied man sich, diese auch per Gesten bedienen zu können, sodass ein Fingerzeig oder Wischen vor dem Screen genügt, um zum erwünschten Ergebnis zu kommen.

Alles „Klassische“ wird verdeckt oder versteckt: Die elektrischen Blenden überdecken bei Nichtgebrauch die Luftausströmer wie einst beim Phaeton, und eine mittlerweile unverzichtbare optische LED-Ambientebeleuchtung sorgt für zusätzlichen optischen Modernismus. Die Langversionen bieten bei Bedarf auch im Fond ein großes Touchpad für die Einstellung diverser Wohlfühlparameter. Das lässt sich sogar herausnehmen. Dabei hält man dann ein Device auf Android-Basis in den Händen, das auch als Telefon funktioniert. In der Hauptsache dient es aber dazu, Sitzeinstellungen zu steuern oder per Fingerzeig den Kegel der LED-Leselampe exakt zu positionieren. Und so machen die neuen Modelle innen einen ganzen Schritt Richtung Aicon respektive möbliertem Eigenheim.

 

Entsprechend musste man natürlich auch bei der Energieversorgung nachlegen: So sorgt jetzt ein 48-Volt-Bordnetz für genug Spannung und Intelligenz an Bord. Fahrwerk und Motor werden permanent von einer Heerschar von Beobachtungssystemen gefüttert und in Sekundenbruchteilen entsprechend justiert, sodass die Insassen von der wahren Fahrbahnbeschaffenheit möglichst wenig mitbekommen. Die Frontkamera soll laut Audi 18-mal pro Sekunde Informationen über die Beschaffenheit der Fahrbahn erfassen und so Unebenheiten frühzeitig erfassen und ausbügeln können. Klar, dass auch Neigungsbewegungen aktiv ausgeglichen werden. Darüber hinaus folgen ab 2018 sukzessive automatisierte Fahrfunktionen, wie Parkpilot, Garagenpilot und Staupilot, in Serie.

Womit wir bei AI, „artifizieller Intelligenz“, wären, die ebenfalls einen Schritt Richtung „Wohnzimmer“ geht: So kann der Staupilot auf Knopfdruck auf Autobahnen und „Bundesstraßen mit baulicher Trennung“ im zähfließenden Verkehr bis 60 km/h das Fahren übernehmen. In Deutschland aber erst ab 2019, denn die Gesetzte sind noch nicht soweit – schade eigentlich, denn gerade das Stauzuckeln gehört zu den nervigsten Fahraufgaben. Dafür können die neuen Audis automatisch in Parklücken und Garagen ein- und ausparken – ohne Fahrer am Steuer. Dazu bietet der neue A8 insgesamt bis zu 41 Bausteine an, die vor fast allem und jedem warnen. Informiert wird der Fahrer natürlich nicht nur im Virtual Cockpit, sondern auch per Head-up-Display.

Mit schlauer Spracheingabe, die einen gut versteht, und ordentlicher Rückmeldung der Screens funktioniert die neue Bedienwelt ganz zuverlässig, wenngleich nicht unbedingt immer schneller und logischer als mit Tastern und Dreh-Drück-Reglern.

Womit wir bei den Nachteilen dieser schönen neuen Welt wären: Ab und an möchte man vielleicht auch mal vollkommen unbeobachtet, unconnected und ungestört einfach nur seine Ruhe haben. Geht nicht, denn für autonomes Fahren muss man seine Daten hergeben.Und dass in einigen Jahren bloß keiner auf die Idee kommt, die ganzen glatten Screens mit ihren zig Menüs in die 3D-Welt zurückzuholen. Und stattdessen wieder Schalter oder Taster zu verbauen, mit denen man haptisch erlebbar sofort und ohne Umschweife Funktionen auslösen und einstellen kann. Womit das Wohnzimmerambiente der neuen Studien ruiniert wäre. Zumal endlich das Lenkrad als Bezugspunkt und Richtungsgeber eliminiert wäre und sich die Sitzrichtung auflösen kann.

Damit ist der Aicon optisch tatsächlich fast näher an einem rechteckigen Wohnzimmer als am aktuellen A7 oder A8. Er soll sich als rollende Lounge per Sprache oder Geste von jedem Platz aus bedienen lassen und im Laufe der Zeit sogar die Vorlieben und Abneigungen seiner Mitfahrer erlernen können. Somit würde er tatsächlich zum „Haus mit integriertem Butler“.

So entstand MMI

Die Namensgebung MMI leitete sich ursprünglich vom englischen Fachbegriff Man-Machine-Interface (Mensch-Maschine-Schnittstelle) ab, weil das Infotainmentsystem in seiner Entwicklung maßgeblich von der Ergonomie geprägt wurde. Vorgestellt wurde die „Urversion“ bereits auf der IAA 2001 in der Studie „Avantissimo“, die auf das folgende Serienmodell des A8 hinweisen sollte, der ab Herbst 2002 als erster Audi über MMI verfügte. Serie war damals ein Sieben-Zoll-Farbbildschirm.

Die Hauptfunktionen wurden in vier Gruppen eingeteilt: Unterhaltung, Kommunikation, Navigation und Einstellungen. Die Bedienung erfolgte anfangs über drei Arten: Eine direkte Auswahl der Funktionstasten, einen Dreh-Drückregler samt Steuerungstasten und direkt angebrachte klassische Taster und Regler. Dies alles wird jetzt durch berührungsempfindliche Screens ersetzt, die auch durch Gestensteuerung bedient werden können.

Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe VISION mobility 1/2018 ein Interview mit Marc Lichte, Head of Design bei Audi.

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