Infrastruktur

Basis-Lager mit Vollausstattung

Ein Pilotprojekt von Daimler, Innogy, Lueg und den Amazon-Lieferpartnern will die Möglichkeiten der E-Mobilität in der KEP-Praxis im Logistikzentrum Bochum ausloten. Neben 30 E-Vans kommt ein innovativer Fahrzeugscanner zum Einsatz.

Bild: J. Reichel
Bild: J. Reichel
Johannes Reichel

Base Camp, das klingt natürlich schon cooler als „Betreiberkonzept“. Und weil kaum einer so sehr verstanden hat, dass Klappern zum Handwerk gehört wie Daimler, betitelte man das Logistik-
konzept rund um einen intelligent bewirtschafteten 6.000 Quadratmeter-Parkplatz gegenüber von Amazons Paketverteilzentrum in Bochum Riemke kurzerhand mit einem hippen Anglizismus. In einer multilateralen Kooperation haben Daimler, Amazon Logistik, der Energiekonzern Innogy sowie der Fahrzeughändler Lueg in Bochum das integrierte Projekt zur Citylogistik gestartet. Das soll, wenn es nach dem Willen von MB-E-Vans-Chef Benjamin Kaehler geht, eine Art Blaupause ergeben, die man auf andere Standorte ausrollen kann. Im Mittelpunkt steht dabei der Flotteneinsatz von 100 Elektro-Transportern vom Typ eVito, die – angefangen mit 30 Fahrzeugen am Standort Bochum – bald auch in Düsseldorf und vielleicht weiteren Amazon-Logistikzentren in Dienst gestellt werden sollen. Der Onlinehändler hat über seine Transportpartner bereits Erfahrungen mit dem Vorgängermodell des eVito, dem Vito E-Cell, gesammelt, der noch immer im Einsatz ist.

Die ersten Ladesäulen sind schon fast zehn Jahre alt!
Zur Vorbereitung hat der Energieversorger Innogy das Netz am Depot ertüchtigt und die Infrastruktur inklusive Lademanagement zur gleichmäßigen Auslastung sowie 30 Ladepunkte geschaffen, die über 22 Kilowatt Ladeleistung verfügen. Der Strom stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen. Nur so mache Elektromobilität Sinn, alles andere wäre umweltbilanziell Augenwischerei, betonte die Leiterin Elektromobilität bei Innogy, Elke Temme. Man zeige mit dem Pilotprojekt, welche CO2-Einsparungen auch im gewerblichen Bereich möglich sind, so die E-Mobility-Expertin.

Die zum Start des Projekts 30 Fahrzeuge sollen über Nacht geladen werden, der Ladevorgang der E-Transporter dauert sechs Stunden. Wesentlich ist auch die Robustheit der Hardware, die Innogy selbst entwickelt hat. Sie verweist auf die Säulen aus der Vergangenheit wie dem E-Cell-Projekt, die seit zehn Jahren noch immer zuverlässig liefen. „Das Schlimmste ist ein Ausfall, die E-Technik muss immer verfügbar sein für den Kunden“, erklärt Temme. Sollte sich die E-Van-Flotte als Erfolg erweisen, habe man netzseitig vorgebaut: Auf bis zu 100 E-Fahrzeuge könne man am Standort aufstocken. Derzeit sind hier 200 Fahrzeuge, bis auf die E-Cell-Versuchsfahrzeuge der ersten Generation fast ausschließlich Diesel, im Einsatz.

Als Projektkoordinator fungierte mit der Lueg AG ein Fahrzeughändler, der auch die Wartung und den Service für die Fahrzeuge teils vor Ort sowie das Parkraummanagement auf dem Areal übernimmt. Die Fahrzeuge werden den sogenannten Transportpartnern von Amazon im Leasing von Daimler zur Verfügung gestellt. Der Hersteller verspricht über die Laufzeit eine Kostenneutralität zu den konventionellen Dieselmodellen. Der Amazon-Logistik-Chef Deutschland Bernd Gschaider bezeichnete das Projekt als wichtigen ersten Schritt auf dem Weg zu massentauglicher nachhaltiger City-
logistik für die letzte Meile. Den Kunden seien ein geringerer Kraftstoffverbrauch, weniger oder am besten keine Emissionen und höchste Flexibilität bei Lieferfahrten wichtig. „In Anbetracht steigender Sendungsaufkommen müssen wir den Impact auf Umwelt und Umgebung reduzieren. Denn klar ist auch: Ohne Autos wird’s nicht gehen in der Belieferung. Das E-Fahrzeug ist der richtige Baustein“, erklärte Gschaider.

Als weiteres Pilotprojekt soll am „Base Camp“ bei Amazon in Bochum der von der Daimler Innovationstochter Lab1886 mit der Josef Paul GmbH & Co. KG aus Passau entwickelte digitale Fahrzeugscanner integriert werden. Bei einer 30-sekündigen, per Schranke regulierten Durchfahrt wird der Fahrzeugzustand durch Kameras erfasst und dokumentiert, wichtig auch für spätere Leasingrückläufer. Die Bilder stehen auf einer Softwareplattform sofort digital zur Verfügung und werden von den Lueg-Mitarbeitern ausgewertet. So soll die Schadensquote an den Fahrzeugen sinken, die einen beträchtlichen Kostenblock darstellt. Lieferpartner Blitz Kurier aus Essen verweist auf knapp 200.000 Euro, die allein bis April an seinen 100 Transportern angefallen waren. Die Versicherungskosten seien auch üppig, wenn man denn eine findet, wie MB-Vans-Vertriebschef Stephan Sonntag sekundiert. Teils liegen die monatlichen Kosten hier höher als die Leasingrate. Überhaupt: Die viel diskutierten Fahrzeugkosten selbst fallen für Blitzkurier-Chef Carsten Verdirk mit fünf bis sieben Prozent fast verschwindend aus.

Außerdem will man das Handling für die Fuhrparkmanager erleichtern, die Abfahrtszeiten beschleunigen. „Bei 200 kontrollierten Fahrzeugen täglich ist das ein Faktor, wenn man das alles händisch machen müsste“, erklärt Stefan Jansen, Vertriebsdirektor Nutzfahrzeuge von der Fahrzeugwerke Lueg AG, die quasi die Rolle des Facility Managers auf dem Areal übernimmt. „Wir erstellen Bildstrecken in hoher Auflösung, kategorisieren und kalkulieren, sodass der Fuhrparkmanager des Transportunternehmens eine bessere Entscheidungsgrundlage hat, wann es sich zum Beispiel lohnt, einen Streifschaden zu reparieren.“ MB-Vans-Vertriebschef Stephan Sonntag spricht hier von der „counterlosen Übergabe“. Was das Base-Camp-Konzept aber nicht mehr erlaubt, erst recht mit den eVitos, ist die private Nutzung der Fahrzeuge. „Wir poolen die Flotte hier am Standort, schon weil kaum ein Fahrer zu Hause eine Lademöglichkeit hat“, beschreibt Sonntag. Als Nebeneffekt hat man aber auch eine bessere Kontrolle über die Fahrzeuge und muss etwaige Parkschäden oder gar Diebstähle nicht in der TCO berücksichtigen.

Miettransporter sollen kurzfristige Bedarfe decken
Vollends komplett wird das „Base Camp“ durch das Angebot Mercedes-Benz Van Rental, das Standard- oder auch individualisierte Transporter für kurz-, mittel- und langfristige Mieten zur Verfügung stellt. In Verbindung mit einer weiteren Innovation aus dem Lab1886, dem sogenannten Van2Share, lassen sich die vor Ort verfügbaren Transporter nicht nur flexibel, sondern auch Smartphone-basiert zur Mobilitätsabsicherung bei Fahrzeugausfall oder zur Abdeckung kurzfristiger Spitzen ausleihen. Alles andere als „basic“, das Citlogistik-Betreiberkonzept, das die Partner hier realisiert haben. Mal sehen, wie es sich bewährt. Sonntag bemüht das Bild von der Ketchup-Flasche: „Man weiß nie genau, wann und wieviel rauskommt. Aber die E-Mobilität kommt, ganz sicher.“ Hoffentlich platzt der Knoten nicht auf einmal.

Referenz Ausgabe
Seite von
82
Seite bis
83