RG Nathalie: Alles anders!

Gregor Soller

Roland Gumperts „Nathalie“ soll binnen 2,5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen können und bis zu 300 km/h Topspeed können – als Elektrosportwagen, der alternativ bei 80 km/h auch 850 Kilometer Reichweite bieten kann.

Nathalie besitzt einen Gitterrohrrahmen entsprechend der Auflagen internationaler Rennstrecken – ist aber komfortabel genug, um den Alltag auf Autobahnen zu meistern – und nutzt dafür eine Methanol-Powercell (MPC): Als „ Supersportwagen mit Trackperformance-Eigenschaften“ beschreibt Roland Gumpert sein jüngstes „Baby“ Nathalie, die er nach seiner Tochter benannte. Er machte die Vorgaben, Ideen und ersann das Konzept, für die Konstruktion zeichnet Roland Maier verantwortlich. Der schon mal das Gewicht perfekt verteilt hat, nämlich im Verhältnis 48:52 Prozent (vorn/hinten), was feine Fahreigenschaften bedeutet. Den Antrieb bezeichnet Gumpert als „4W4E 2 gears“ – dahinter stecken vier Bosch SMG 180 Elektromotoren mit dazugehörigen Invertern, die zusammen im Peak je 102 kW, also zusammen 408 kW produzieren und dazu je 230 Nm, also zusammen 920 Nm liefern – womit man gut im Supersportwagenbereich liegt. Nicht ganz einfach ist die perfekte synchrone Steuerung dieser Motoren, die bis zu 12.800 1/min drehen, permanent überwacht und notfalls abgeregelt werden, denn bei dem Allrad mit 4 Motoren und 2 Vorwärtsgängen wird jedes Rad individuell von einem Motor individuell angetrieben.

Roland Gumpert hat diese Technik in zum Test in seinen „Explosion“ gepackt. In dem sitzen Tank, Reformer und Brennstoffzelle noch komplett hinter der Vordersitzen, während die Front E-Motor und Leistungselektronik beherbergt. Der „Explosion“ diente als Basis für Nathalie. Die vor allem den Softwareexperten harte Nüsse zu knacken gab: Denn das elektronische „Fahrwerks“-Management beaufschlagt jedes Rad mit dem nötigen Drehmoment (Torque Vectoring), was extrem hohe Kurvengeschwindigkeiten ermöglichen soll. Traktionsverluste der Räder beim Beschleunigen sowohl auf trockener als auch auf nasser Fahrbahn sollen elektronisch unterbunden, womit „Nathalie“ Verbrenner-Allradlern gehörig um die Ohren fahren will. Radnabenmotoren lehnt Gumpert aber ab, um die ungefederten Massen niedrig zu halten. Stattdessen packt man die E-Maschinen ins Zentrum des Fahrzeugs. Dabei hat Gumpert auch den Service im Blick, da „vier Einzelmotoren unabhängig voneinander gewartet werden können“.

Jede Achse trägt zwei Motoren und ein 2-Gang Getriebe. Binnen 2,5 Sekunden soll Nathalie so auf 100 km/h geschossen werden können. Dazu ist aber ein erster Gang mit kurzer Übersetzung nötig. Bei rund  160 km/h schaltet jedes Getriebe dann automatisch in den zweiten Gang, um die 300 km/h Topspeed zu erreichen. Erst schaltet das Getriebe der Vorderachse, Millisekunden später das Getriebe der Hinterachse. Eine elektronische Steuerung überwacht die Schaltvorgänge und soll die nahezu zugunterbrechungsfreie Beschleunigung sicherstellen.

Verzögert wird mit ABS, ESP und natürlich Rekuperation, hier iBooster-System genannt: Primär wird mit allen vier Elektromotoren gebremst, sodass eine maximale Rekuperation erfolgen kann. Erst wenn die Bremsanforderung eine definierte Grenze der als Generatoren arbeitenden E-Motoren überschreitet, schaltet sich das hydraulische Bremssystem übergangslos zu.

Die Cockpit-Schaltzentrale ist konsequent fahrerorientiert und ergonomisch gestaltet. Gumpert sitzt in Ingolstadt in der Nähe seines Ex-Arbeitgebers, der Interieurs kann und hat mit Aiways-Präsident Samuel Fu einen Chef, der größten Wert auf Qualität legt. Unterstützt wird Nathalies Fahrer mit einem vorausschauenden, selbstlernenden und interaktiven Kommunikationssystem.

Über die kommenden drei Jahren soll die Kundschaft des RG Nathalie mit einem europaweit operierenden individuellen Service bedient. Die Versorgung mit Wasser-Methanol Gemisch wird aktuell mit einem Partner erarbeitet. Darüber hinaus wird an einer Versorgung über das existierende Tankstellennetz und vollständig neue Kanäle gearbeitet.

Diese Idee ist übrigens nicht ganz neu: Der dänische Brennstoffzellenhersteller Serenergy zeigte bereits 2015 bei der Präsentation der ersten europäischen Methanol-Tanksteller einen Fiat 500e mit dieser Technik. Ihre Anwendung treibt man aber bei Stationärmaschinen voran, wo sie als Alternative zu Dieselgeneratoren arbeiten, um an abgelegenen Orten Strom zu erzeugen. Auch der Fiat soll laut Serenergy bis zu 800 Kilometer Reichweite bieten.

Was bedeutet das?

Während Nathalie äußerlich den braven Supersport-GT gibt, hat sie es faustdick hinter den Ohren: Bei Bedarf liefert sie Top-Sprint- und Höchstgeschwindigkeitswerte, was dann allerdings zu Lasten der Reichweite geht – die ihrerseits Maßstäbe für Elektrosportler setzen soll. Wir sind gespannt auf erste Fahreindrücke und weitere Details!