Paris 2018: Zeitenwende

Gregor Soller

Der Pariser Salon 2018 könnte als Wendepunkt der Autoindustrie in die Geschichte eingehen – denn erstmals zeigten fast alle Serienhersteller mit elektrifizierte Antriebe.

Schon die Anreise zum Salon verlief für einige Besucher elektrisiert: Hyundai startete eine Reichweitenchallenge ab Frankfurt und tatsächlich könnte man mit dem neuen e-Kona und dessen 482 Kilometern Reichweite nach WLTP-Zyklus die Distanz mit einer nicht allzu langen Zwischenladung locker überbrücken. Vor dem Salon dann der übliche Pariser Stau mit maximaler Abgasbelastung – und plötzlich macht elektrisch autonomes Fahren ganz schnell ganz viel Sinn!

Die wildesten Studien: PSA und Renault

Und zumindest in punkto Elektromobilität darf der Pariser Salon als Wendepunkt gesehen werden: Denn keiner der Serienhersteller wagte sich ohne Elektrifizierung in die Hallen. Beginnen wir unseren Rundgang in der Halle 1, in der traditionell die französischen Hersteller groß auffahren. PSA stellte der wilden asymmetrischen DS-Studie X E-Tense den sehr dezenten Retro-Peugeot als Hommage an das 504 Coupé zur Seite, womit das Thema autonom-elektrisches Fahren auf zwei Art krass unterschiedlich interpretiert wurde. Dass Carlos Tavares trotzdem stark auf die Finanzen achtet, zeigten die vergleichsweise bescheidenen Auftritte von Citroen und Opel: Statt einer spannenden C5-Nachfolger-Studie wie 2016 musste sich die Marke mit dem Doppelwinkel mit dem C5 Aircross Hybrid zufriedengeben und Opel stellte gleich gar nicht aus, obwohl Michael Lohscheller durchaus vor Ort war und die Auszeichnung des „Van of the Year“ für den neuen Combo entgegennahm. Etwas unverständlich, zumal Paris eine perfekte Bühne für den neuen GT X Experimental gewesen wäre.

Aber auch VW nutzte die Bühne unverständlicherweise nicht zur Präsentation der neuen I.D.-Plattform, obwohl sonst alle Konzerntöchter inklusive Bugatti vertreten waren. Den Chiron gab es übrigens auch in einer umweltfreundlichen Version – am Lego-Stand in 1:1. Peugeot stellte neben dem autonomen e-Legend auch gleich die Plug-In-Hybride von 3008 und 508 vor, der nebenbei als Kombi debutierte. Bei DS drehte sich Alles um die Serienversion des neuen DS 3 Crossback, der natürlich auch elektrisch gezeigt wurde, während sich Citroen mit dem neuen C5 Aircross Plug-in-Hybrid „zufriedengeben“ musste.

Gegenüber krönte Renault seine EZ-Serie mit dem EZ-Ultimo, einer 5,7 Meter langen autonomen „Monster-Lounge“ für drei Personen. Damit haben die Franzosen drei EZ-Modelle gezeigt, die vom fahrenden Crepes-Stand bis zur Luxuslounge Alles abbilden. Die Frage ist, was davon wie in eine Serienplattform überführt werden wird. Elektrische Pkw-Basis bildet dagegen weiter das Trio aus Twizy, Zoe und Kangoo ZE.

Starke Ansagen für das Hier und Heute: Hyundai und Kia

Komplettiert wurde Halle 1 durch Hyundai und Kia: Auch bei Hyundai gehörte ein Drittel der Fläche Nexo, Ioniq und e-Kona, zudem fuhr man die sportlichen N-Modelle auf. Wobei der e-Kona leistungsmäßig eigentlich auch schon den N-Modellen zugeschlagen werden könnte, wie Deutschland-Pressechef Bernhard Voß laut vor sich hindachte. Elektrische N-Modelle? Warum eigentlich nicht? Bei Kia stand klar der elektrische Niro im Fokus, der das Technikpaket des e-Nexo übernimmt und mit den gleichen Leistungs- und Reichweitenwerten punktet, wobei sich Pressesprecher Bastian Meger freute, dass man den Technikspender im WLTP-Zyklus noch um drei Kilometer überbot: Im internen koreanischen Duell heißt das 485 Kilometer für den e-Niro gegenüber 482 Kilometern beim e-Kona. Doch die Botschaft war klar: Die Elektrifizierung gehört auch hier die Zukunft.

Helle Highlights und ein runder Geburtstag: Die VW-Töchter

Halle 3 lichtfluteten dann die VW-Töchter Audi und Porsche. Während Porsche diesmal aber eher seinen 70. Geburtstag feierte und dazu reichlich Superbenzin ausschenkte, präsentierte Audi die Serienversion des e-tron, die neben dem neuen Q3 und dem ebenfalls noch jungen und frisch-kantigen A1 erstaunlich - sagen wir es mal vorsichtig – dezent aussieht, was die staubgraue Lackierung eher noch unterstützte. Bei Skoda drehte sich Alles um den künftigen Golfschläger „Vision RS“, der natürlich auch als Plug-In-Hybrid auftrat. In der Realität wird der neue Rapid ziemlich genau so aussehen und damit sein Sparimage als „günstige Zwischenlösung“ zwischen Fabia und Octavia abstreifen – und Golf, Audi A3 und Seat Leon das Leben schwer machen. Die Spanier bauten sich ohnehin im Freigelände auf, wo sie einen Pavillion bezogen, der die Strandcafes in  Barcelona zitierte. Im Zentrum stand das neue Groß-SUV Terraco, alternativ angetrieben stand der Arona TGI am „Strandcafe“.

Ein Chinese unter den Premiums: GAC, BMW, Daimler, Jaguar-Landrover und Tesla

In Halle 5 stellten im zweiten Stock über der französischen Oldieshow vor allem die  Premiumhersteller aus: BMW, Daimler und Jaguar-Landrover. Plus dem chinesischen Hersteller GAC, der ernsthafte Absichten Richtung Markteintritt verfolgt. Bei BMW stand alles im Zeichen des neuen Dreier, der fahrdynamisch, aber leider auch optisch zulegte und künftig auch wieder als Plug-In-Hybrid kommen soll. Daneben stand etwas versteckt der i3s, der künftig mehr Reichweite bieten soll. Außerdem kündigte BMW-CEO Harald Krüger für 2019 den Elektro-Mini, für 2020 den iX3 und für 2021 den iNEXT an. Und den i4, wie immer der dann auch aussehen wird. Fest steht: Mit iNEXT und i4 startet bei BMW dann auch endlich der neue „Elektrobaukasten“, der VWs MEB entspricht.

Daimler nutzte Paris derweil für mehrere Premieren: Neben dem EQC standen dort auch der neue GLE, die neue B-Klasse und weitere A-Klassen-Derivate. Als Showstudie brachte Dieter Zetsche zu einem seiner letzten ganz großen Messeauftritte den EQ Silver Arrow mit, der die Mercedes-Rennwagen der 30er bis 50-er-Jahre zitiert. Smart stellte nur noch seine Elektromodelle aus, da die Tage des Verbrenners dort ohnehin gezählt sind. Trotzdem wartet man bei Mercedes auch immer noch etwas auf eine klare Positionierung der künftigen EQ-Modelle, die teils ganz eigene Plattformen haben, teils umgelabelte Standradmodelle sind.

Das gilt auch für den Jaguar XJ, der in Paris seinen 50. Geburtstag feierte und wegen, sagen wir mal, zuletzt eher dezentem Erfolg, demnächst auf die rein elektrische I-Pace-Plattform wechseln wird. Der I-Pace stand neben den Landys dann auch im Zentrum des Standes, dem anzumerken war, dass sich die Briten nach den Neuheitenexplosionen der letzten Zeit eine „Verschnaufpause“ gönnen (müssen). Zwischen Jaguar und Mercedes-Benz stand Tesla einmal mehr mit dem Model 3, dass bis Mitte 2019 dann endlich endlich auch nach Europa kommen soll und in den USA trotz permanenter Negativmeldungen mittlerweile Topseller im Segment der „kompakten Premiums“ ist, wie C-Klasse und Co dort eingestuft werden.

Was bedeutet das?

Ganz klar: Dieser Pariser Salon 2018 markiert ganz klar die Wende der Automobilindustrie hin zur Elektromobilität. Wer nichts Elektrifiziertes zeigen konnte, war eigentlich „out“ – ein Trend, der sich 2019 massiv beschleunigen dürfte!