Messe Cebit 2018: Spannende Nachlese - Kompakt und bunt

Gregor Soller

Auch die Cebit kämpft wie alle großen Leitmessen mit Besucherschwund – und erfand sich 2018 deshalb neu.

Wir haben mit Johann Jungwirth, dem Chefdigitalisierer des Volkswagen-Konzerns einen Rundgang gemacht und viel Spannendes für die Mobilität von morgen entdeckt, darunter auch zahlreiche Roboter. Insgesamt wurden 2018 rund 120.000 Besucher gezählt und damit viel weniger als 2017 als es noch um die 200.000 waren. Ein Problem war sicher auch die kürzlich vorausgegangene Cemat respektive Hannover Messe, welche sehr ähnliche Thematiken beleuchtete.

Trotzdem waren die Veranstalter zufrieden, denn auch auf der Cebit sprangen viele einstige Messeteilnehmer ab, um ihr Glück in anderen Veranstaltungsformen zu suchen. Gleiches gilt für die Automotive-Industrie, die dafür wiederum die Cebit als etwas „Neues“ entdeckte.

Entsprechend musste sich die Cebit mal schnell neu erfinden und sei 2018 mit der 2017er-Ausgabe nicht mehr vergleichbar, erklärte dazu Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG. Trotzdem waren Aussteller und Partner zufrieden. Was insbesondere für den Volkswagen-Konzern gelten konnte, der dann doch als einer der Besuchsmagneten fungierte.

Beginnen wir unseren Messerundgang mit Johan Jungwirth, kurz „JJ“ als just dort, wo er zuvor mit seinem Kollegen, Dr. Martin Hoffmann, dem CIO der Volkswagen-Gruppe die digitale Konzernzukunft vorgestellt hat. Laut Hoffmann „sehen“ Kameras Lackfehler in der Endkontrolle besser und zuverlässiger als Menschen und können sofort Rückmeldung geben. Spannend ist laut Hoffmann auch „Diagnose and heal“-Software: In dem Fall würde Software ihre eignen Fehler erkennen und reparieren, ohne dass man in der Werkstatt ein Update fahren müsste. Außerdem spekuliert Hoffmann auf die Quantenrechner, um selbstlernende Prozesse wie diese zu beschleunigen. Ein Thema sind auch sogenannte Search-Bots, die vor allem im Einkauf von preisgünstigen Kleinteilen eingesetzt werden: Sie gleichen sämtliche Daten und Werte ab, um die besten Preise zu finden. Auf die Art konnte der VW-Konzern laut Hoffmann bereits 8 Prozent Kosten sparen. Ein weiteres Beispiel sind Motorradrennen. Motoradrennen? Bei der Tochter Ducati analysiert ein Kamerasystem exakt die Haltung des Fahrers und machte zu 99,1% akkurate Angaben zur Fahrposition des Racers. Der so eine bis drei Sekunden pro Runde holen konnte. Trotzdem betont Jungwirth, dass die künstliche Intelligenz für den Menschen arbeiten müsse, sonst bringe sie nichts.

So auch der Sedric, der den Verkehr reduzieren soll und Städte sauberer und ruhiger machen soll. Ein ähnliches Konzept verfolgt auch der E.GO Mover am Stand gegenüber, den JJ explizit erwähnt. Über die reinen „Gefäße“ respektive „Fahrzeuge“ hinaus entwickelt VW mehrere Services, wie MOIA, wo man in Hannover mit einem Ride-Pooling-Projekt gestartet ist oder VW „We“, wo man diverse Services entwickelt, darunter autonomes Parken im Parkhaus. Dank der Quantencomputer hofft „JJ“ große Sprünge in der Akkuentwicklung. Außerdem entwickelt man mit VR-Brillen und Controllern „virtual reality added design“, heißt: Man kann mit zwei Kontrollern und VR-Brille virtuell in 1:1 ein Fahrzeug zeichnen, ein Volumengitter erzeugen und dieses sofort in einen Datensatz überführen. Auf die Art könn(t)en an einem Projekt auf drei Kontinenten mehrere Personen gleichzeitig oder rund um die Uhr arbeiten – und dessen Fortgang in 1:1 diskutieren.  

Anschließend geht es in Halle 25, wo EmQopter die erste vollautonome Pizzadrohne vorstellte, die bis zu zwei Kilo Ballast transportieren kann und auch in der Landtechnik oder im Bergbau für Ersatzteiltransporte eingesetzt werden könnte.  Wichtig ist laut Entwickler Nils Gageik, dass das Gerät leise operiert, denn die Geräuschentwicklung sei immer noch ein Manko er Drohnen.

Damit hat die „helfende Hand“, der Roboter Armar 6 des „KIT“ des Karlsruhe Institute of Technology kein Problem. Der sehr bewegliche Roboter soll vor allem dort unterstützen, wo zwei extra helfende Hände benötigt werden, in der Produktion zum Beispiel: Doch heute hat Armar einfach keine Lust: Die abzuschraubende Platte lässt er seinem Kollegen aus Fleisch und Blut beim ersten Versuch gleich mal gegen das Schienbein knallen, da er sie einfach loslässt und das Reinigungsmittel zum säubern er Rollen reicht er ihm genau zehn Zentimeter entgegen, bevor Armar erstarrt. Damit hat der kamerabasierte Helfer noch etwas Luft nach oben.

Womit wir auf einem voll digital gesteuerten Airport wären, für den Huawei eine komplette Infrastruktur programmiert hat. Mittels Cloud gehen die Chinesen auch das Thema „Smart City“ in mehreren Layern an oder steuern ganze Banken virtuell.

Ähnlich denkt man bei SAP: Dort präsentiert man seinen digitalen Boardroom. Auf dem kann man wie bisher Charts präsentieren, hat bei Fragen aber direkte Einsprungmöglichkeiten. Bei Zahlen kann man auf Fingerzeig deren Zustandekommen nachverfolgen inklusive Echtzeitupdate. Um von dieser Ebene wieder Vergleichsdaten anderer Märkte oder Zeiträume abzurufen und zu diskutieren. So ergeben sich Gesamtzusammenhänge eventuell unterschiedlich prognostizierter Zahlen und man kann simulieren, was passiert, wenn man Parameter, Produkte oder Märkte verändert.

Viel Bodenständiger ist da die Park-App von Volkswagen „We“, die Philipp Beckenhagen vorstellt. Optional kann die auch nach Wetter konfiguriert werden: Parkhaus bei Regen, Parkplatz bei Eisdiele bei Sonne. Und: Sie soll den Parksuchverkehr reduzieren, der laut „JJ“ bis zu 30% des Innenstadtverkehrs ausmachen kann.  

Eine Halle weiter erwartet uns am IBM-Stand bereits Watson – eine gebläsegetriebene Kugel mit Screen, die im All zu Alexander Gersts Helfer werden wird und den Astronauten bei Experimenten unterstützen soll. „Watson“ kennt die ISS und versteht auch die Astronauten. Seine Daten gehen dann ins IBM Cloudcenter, wo mehrere Watson-Services kombiniert werden. So soll er zum Beispiel auch abstrakte Aussagen verstehen: Wenn Gerst also sagt „ich vermisse meine Familie“, könnte Watson einen entsprechenden Film zeigen. Über die kamera- und Sensordaten schaltet Watson dann seine Gebläse.

Auch vor der Konkurrenz hat JJ keine Berührungsängste und steuert direkt auf ein E-Klasse Cabrio zu, dessen Bedienungsanleitung ebenfalls in einem IBM-Projekt digitalisiert wurde. Im Idealfall kann man einfach fragen: 2Wie fahre ich dieses Auto sportlich“ und die E-Klasse erklärt es einem – was man bei Daimler auch unter MBUX kennt und per „Hey Mercedes“ aktiviert.

Ebenfalls bei IBM steht die Entwicklung eines Quantencomputers, dessen Chip ganz unten sitzt und der auf -273 Grad heruntergekühlt werden muss, wie IBM-Entwickler Noam Zakay erklärt. Die Kunst: Der Quantenrechner rechnet, ganz plump ausgedrückt, nicht mehr nur in 1 oder 0 sondern auch „alles dazwischen“, wie es Zakay anschaulich macht. Und diese sogenannten Q-Bits sollen dann das Plus an Rechenleistung bringen. Die Quantenrechner sind laut Jungwirth momentan generell Gegenstand der Branche: Auch Google, Intel und Microsoft arbeiten daran, wobei Google laut „JJ“ aktuell ganz vorn mitspielt. Die Markteinführung erster Quantenrechner erwartet Jungwirth bis Anfang oder Mitte 2019. Zu dem kompletten Package gehört natürlich auch ein funktionierendes 5-G-Netz, an dem die Telekommunikationsbranche arbeitet, auch, um das Cloud-Computing weiterzubringen.

Ein Punkt, wo Jungwirth wieder zurückschwenkt in die Praxis: Im Werk Bratislava arbeiten im lauten und anstrengenden Rohbau von Audi A7, Porsche Cayenne und VW Touareg auf der Größe von 18 Fußballfeldern nur noch rund 400 Mitarbeiter in zwei Schichten – womit der eher unbeliebte Job zu 90 Prozent automatisiert wurde. Ein weiterer Diskussionspunkt ist laut Jungwirth auch die Infrastruktur, die in China massiv ausgebaut wird. In Europas gewachsenen Strukturen wäre das nur mit enormem Aufwand möglich, weshalb Jungwirth dafür plädiert, dass die Systeme auch ohne Infrastruktur agieren können. Noch wichtiger sind für „JJ“ allerdings die Businessmodelle, die man mit künftigen Mobilitätsangeboten heben kann und möchte: Nach einer Goldman-Sachs-Studie verdient ein Autohersteller aktuell über die Lebensdauer eines Fahrzeuges über zehn Jahre rund 2000 Dollar. Mit anderen Modellen können das binnen drei Jahren 14.000 Dollar werden – wobei dann auch die Gesamtlebensdauer der permanent im Einsatz befindlichen Fahrzeuge erreicht sein könnte. Trotzdem sei es nicht ganz einfach, diese Marge zu erreichen und auch dort wird es Wettbewerb geben: Und genau deshalb möchte der Volkswagen-Konzern hier ganz vorn mitspielen, denn die großen Gewinne fallen laut Jungwirth in den ersten drei bis zehn Jahren an. Dann wird es Zeit für eine neue Vision.

Was bedeutet das?

Am Beispiel des Volkswagen-Konzerns sieht man die Komplexität des Themas Mobilität. Und deshalb stellt der sich so breit auf, um Idealfall „Alles“ zu können, was damit zusammenhängt.