iNEXT- BMW Zukunft elektrisch

Gregor Soller

Die Studie iNEXT soll das erste Modell der komplett neuen Fahrzeugarchitektur werden und BMW in die Zukunft führen.

Während VW die I.D.-Familie vorbereitet und Daimler diverse EQ-Varianten durchspielt, plant BMW die i-Familie weiter. Die bisher irgendwo zwischen elektrifizierten Standardmodellen und den teuren Karbonextremen i3 und i8 hängengeblieben zu sein scheint: Erstere kaum innovativ, Letztere zu extrem und teuer. Doch auch BMW wird einen konkreten Modulbaukasten auflegen, auch wenn BMW I-Chef Robert Irlinger dieses Wort so gar nicht mag. Im BMW-Sprech kommuniziert man deshalb hochtrabend die „vollständige Integration der strategischen Innovationsfelder Automatisiertes Fahren, Connectivity, Elektrifizierung und Services (ACES) in einem Fahrzeug.“ Konkret handelt es sich bei iNext um eine Studie, die nicht weniger als die konkrete Zukunft BMWs aufzeigt. Genau deshalb brauchen die Münchner bis zum Serienanlauf noch bis 2021.

Rechtzeitig vor dem Pariser Salon zeigt man jetzt die Studie BMW Vision iNEXT, die Freude am Fahren ab 2021 definieren soll. Das Serienmodell BMW iNEXT wird von 2021 an als neues Technologie-Flaggschiff im Werk Dingolfing gebaut und bringt die strategischen Innovationsfelder der BMW Group erstmals gebündelt auf die Straße. Dabei denkt BMW die neuen Modelle als „mobilen Raum der Lebensqualität – als neuen Lieblingsplatz“, an dem man selbstbestimmt und entspannt sein sollte: Denn laut BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich sei der „Mensch mit seinen Bedürfnissen und Wünschen an Mobilität ist auch in Zukunft Mittelpunkt aller Bestrebungen von BMW.“

Adrian van Hooydonk, Leiter BMW Group Design sieht den Vision iNEXT als „großen Schritt auf dem Weg dieser Transformation, der zeigt, wie intelligente Fahrzeuge unser Leben leichter und schöner machen können.“  Im Zentrum der Front sitzt die große, vertikale Doppelniere. Sie ist wie bei allen elektrisch betriebenen Fahrzeugen geschlossen. Da keine Kühlung für einen Verbrennungsmotor nötig ist, dient die Niere als Intelligenzfläche, in der verschiedene Sensoren verbaut sind. Ein 3D-gedrucktes Muster steht für die dahinter liegende Technologie. Sehr schmale Scheinwerfer deuten das BMW typische Vieraugengesicht in moderner Interpretation an.

Geplant sind zwei Fahrmodi: Im „Boost“-Modus kann man selbst fahren, im „Ease“-Modus wird man gefahren. Der „Boost“-Modus ist durch den elektrischen Antrieb hoch dynamisch, nahezu geräuschlos und emissionsfrei. Im „Ease“-Modus bietet das Fahrzeug Fahrer und Mitfahrern Raum für vielfältige Aktivitäten: Der BMW Vision iNEXT soll nach Wunsch Ort der Entspannung, der Interaktion, des Entertainments oder der Konzentration dienen. Das große Panoramadach flutet den Innenraum mit Licht. Zwei Einzelsitze im vorderen Bereich sowie eine durchgehende Sitzbank im Fond bieten Raum für bis zu vier Personen. Wenige, klare Linien prägen den Innenraum, die Geometrie stellt die Materialien und Farben in den Vordergrund. Innen inspirierten die Designer mehr denn je Möbel - heißt: Ein Materialmix aus Stoff und Holz. Vorherrschende Farben im Cockpit sind der „Nude“-Farbton Purus Rosé, Braun und Beige, mit Akzenten im metallisch schimmernden Mystic Bronze. Im Fond überwiegt der vornehmlich petrolfarbige, mit aufwendiger Jacquard-Webtechnik erstellte Stoff „Enlighted Cloudburst“, der sich asymmetrisch über die Sitzfläche bis in die Seitenwände und die Heckablage zieht. So entsteht eine im Automobilbau sehr ungewöhnliche Trennung von Cockpit und Fond, die verschiedenen Einrichtungen innerhalb einer Wohnung gleicht. In dem großzügig gestalteten Cockpit definieren die zwei einzigen sichtbaren digitalen Anzeigeflächen gemeinsam mit dem Lenkrad den Fahrerbereich. Das flache Dashboard mit beigefarbenem Stoffüberzug sorgt in Kombination mit Holzdetails und einem klar strukturierten Holzboden für eine wohnliche, angenehme Atmosphäre.


Im „Boost“-Modus sind Lenkrad und Anzeigen klar auf den Fahrer ausgerichtet.
Beim Übergang in den „Ease“- Modus verändert sich der Fahrerbereich: Das Lenkrad fährt leicht zurück, das Fahrpedal fährt ein und schafft so ein offeneres Raumgefühl. Die Anzeigenflächen wechseln von fahrrelevanten Inhalten in den „Exploration Mode“, der Fahrer und Mitfahrern Vorschläge zu für sie relevanten Orten und Veranstaltungen in der Umgebung zeigt. Darüber hinaus lassen sich die Kopflehnen der vorderen Sitze nach hinten umklappen. Die vorne sitzenden Personen können so besser mit den Mitfahrern im Fond sprechen.

Abgesehen von Lenkrad und Displays im Fahrerbereich sind im BMW Vision iNEXT keine weiteren Bildschirme oder Bedienelemente zu sehen. Um den hochwertigen, wohnlichen Charakter des Fonds zu wahren und damit den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, ist die intelligente Technologie unsichtbar integriert. Erst wenn Fahrer oder Mitfahrer es wünschen, wird sie sicht- und nutzbar. So könnten in Zukunft verschiedene Funktionen über Oberflächen wie Holz oder Stoff bedienbar sein. Auch Displays wären zukünftig verzichtbar, indem eine intelligente Projektion beliebige Flächen zu einem interaktiven Display macht. Der BMW Vision iNEXT zeigt mit Intelligent Personal Assistant, Intelligent Material und Intelligent Beam drei unterschiedliche, visionäre Anwendungen dieser „Shy Tech“ genannten Herangehensweise. Auf die Aufforderung „Hey BMW“ hin schaltet sich die intelligente Sprachsteuerung im Fahrzeug zu.

Nicht nur in der Bedienung, auch bei der Nutzung von Medien könnten digitale und analoge Welt in Zukunft mehr und mehr verschmelzen. Informationen können zunehmend durch Projektionen sichtbar gemacht werden, was auf lange Sicht die Verwendung von Displays ablösen kann. Einen Schritt in diese Richtung zeigt die im BMW Vision iNEXT vorgestellte Technik Intelligent Beam, die sowohl als Leselicht als auch als dynamische und interaktive Projektionsfläche dient. So können beispielsweise in einem gedruckten Buch Bilder, bewegte Inhalte und interaktive Grafiken den bereits vorhandenen Text ergänzen und per Berührung gesteuert werden.

Gezeigt wurde der Vision iNEXT in Kooperation mit Lufthansa Cargo im Rahmen einer Präsentation der besonderen Art: dem BMW Vision iNEXT World Flight. Im aktuell effizientesten Frachtflugzeug seiner Klasse – einer Boeing 777F der Lufthansa Cargo Flotte – präsentierte BMW die Studie in Deutschland, USA und China. Insgesamt verbauten die beteiligten Ingenieure und Spezialisten im Flieger dafür etwa 30 Tonnen Material. Die Herausforderung lag nicht nur in der Realisierung einer außergewöhnlichen Inszenierung – sondern gleichzeitig musste die entstandene Konzeption auch „flugtauglich“ sein. Die Boeing 777F von Lufthansa Cargo erhielt vor dem Start ihrer Reise um die Welt am 9. September 2018 am Flughafen München eine entsprechende Sonderbeklebung. Nach den Stationen New York, San Francisco und Beijing landete sie am 14. September 2018 wieder am Heimatflughafen Frankfurt.

Was bedeutet das?

Nach etwas indifferenten Aussagen über die konkrete Zukunft macht BMW mit dem Vision iNEXT jetzt eine glasklare Ansage dazu, welche das gesamte Modellprogramm beeinflussen wird.